Reiseglück

Meine Reise startet mit der Durchsage, dass die Züge Verspätung aufweisen könnten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Na vielen Dank auch. Ich und mein Koffer, in dem ich gefühlt den Inhalt eines ganzen Einfamilienhauses mitschleppe, freuen uns natürlich riesig darüber. Während ich schon verzweifelt alle mir verbleibenden Möglichkeiten im Kopf analysiere, kommt überraschend die erlösende Durchsage: „Il treno é in arrivo al binario uno.“ Also doch.

Und da bahnt sich auch schon der klapprige Zug seinen Weg durch den Nebel hervor und kündigt quitschend seinen Halt an. Mein Oberarmtraining darf ich beim garantiert nicht barrierefreien Zustieg dankenswerterweise auch schon absolvieren.

Wenigstens ist nicht viel los und ich ergattere einen Viererplatz im ausgestorbenen Zugabteil. Gewohnheitsmäßig will ich schon die Jacke ausziehen, entscheide mich dann aber doch dagegen. Plusgrade fühlen sich irgendwie anders an. Der weiße Hauch meines Atems unterstützt diese These. Während ich versuche, meinen Fingerspitzen wieder Leben einzuhauchen, zieht der erfrischend-unerwünschte Wind der Klimaanlage um meine Füße. Eineinhalb Stunden würden bei diesen Bedingungen vermutlich bleibende Schäden hinterlassen.

Anscheinend war der mangelnde Komfort auch dem Zugführer nicht entgangen, der kurzerhand beschließt, die Fahrgäste umsteigen zu lassen. Also gut, den Koffer wieder im Schlepptau erblicke ich den erlösenden Zug, der mir sogar einen einfachen Einstieg und warme Füße ermöglicht. Welch paradiesisches Gefühl! Der schlimme Teil der Reise wäre geschafft!

Denkste. Neben mir platziert sich der Alptraum aller Pendler: Zwei halbstarke junge Burschen, deren fehlende Empathie erfolgreich mit bodenloser Arroganz kompensiert wird. Ihre Berufung steht fest, nämlich den gesamten Zug großzügig mit ihrer Hip-Hop Musik zu beschallen. Zwischendurch mischt sich die eine oder andere James-Blunt-Schnulze in die sorgfältig ausgewählte Playlist – deutlich angenehmer, wenn auch nicht weniger verstörend. Die kurzen musikalischen Pausen werden mit philosophischen Gesprächen über die eigene Coolness gefüllt. Und dann wird natürlich wieder brav mitgesungen.

Draußen schneit es. Die weiße Winterlandschaft trägt das Ihrige zur vollkommenen Harmonie dieses Augenblicks bei. „Mama war ‘ne Schlampe!“ ertönt es lauthals. Mein inniger Wunsch, meine identitätssuchenden Sitznachbarn würden beim nächsten Stopp ihr Ziel erreicht haben, erfüllt sich nicht. Wenigstens entscheiden sie sich nach reiflicher Überlegung dafür, das Rauchen im Zug dieses Mal bleiben zu lassen. Stattdessen kommt es zu tänzerischen Einlagen im Klang Helene Fischers. Ich Glückskind.

© Sara