45+ Jugendliche. 2 Erwachsene. ein Bus.

Die alten Kopfhörer im Ohr tun mir schon weh, weil sie so überhaupt nicht auf meine Ohrmuschel angepasst sind und die Musik viel zu laut aufgedreht ist, aber rausnehmen will ich sie nicht. Es spielt die ersten zwei Alben von Damien Rice in Dauerschleife. Jedes Lied darauf ist ein Meisterwerk und ich wundere mich, warum ich diesen Musiker nicht schon früher aktiv hörte. Immerhin veröffentlichte er schon ein Jahr nach meiner Geburt erste Lieder.

Rund um mich herum wird gegessen, getratscht oder geschlafen. Ich habe versucht selbst ein bisschen zu schlafen, denn die letzte Nacht fehlte mir eindeutig die Ruhe. Sechs Uhr ist Abfahrt! Das heißt soviel wie: ich musste vor Sonnenaufgang aufstehen. Dabei war es gerade einmal Schulanfang und Sommerzeit. Die Helligkeit des Tages beginnt also sowieso schon unmenschlich zeitig. Irgendein Lehrer meinte dann, kaum als ich beim Treffpunkt eintraf: "Der frühe Wurm fängt den Vogel." Niemand lachte. Soviel zu unserer morgendlichen Zurechnungsfähigkeit.

Im Sitzen auf harten Bussitzen zu schlafen funktioniert leider genau gar nicht. Und wenn mir doch einmal die Augen zufallen, dann klappt mein Mund auf. Zum Glück habe ich das immer noch rechtzeitig bemerkt, denn sonst geistern ein paar Minuten später in diversen Medien schon die ersten Fotos meiner schlafenden Selbst herum. Snapchat ganz vorne.

Würde ich beim Fenster sitzen, könnte ich den Kopf anlehnen und das Problem mit dem offenen Mund zumindest minimieren. Doch dieser Platz ist seit der ersten Klasse für meine Sitznachbarin bestimmt. Oder ich neige den Sessel etwas zurück. Aber dann beschwert sich (zurecht) die Person hinter mir.

Letztes Jahr habe ich so eine Busfahrt wie diese noch gehasst. Nach 2 Minuten riecht es nach Wurstsemmel und nach spätestens einer Stunde dreht jemand eine Musikbox mit den gefühlt schrecklichsten Liedern des Jahres auf. Dabei wurde der Busfahrer anfangs noch angehalten den Radio auszumachen. Der Schlafmangel hängt uns noch bis zur Heimfahrt nach, denn auch die kommenden Nächte werden kurz. Die nächsten Tage ist man ständig unter Leuten, alles was man etwas lauter sagt, könnte der Lehrer ein paar Reihen vor dir oder die Zicke zwei Plätze hinter dir hören.

Jetzt, ein paar Tage später, bin ich gegenüber dem Jammer der Klassenausflüge, allen voran der Busfahrten, fast schon nostalgisch. Es war die weitaus längste Busfahrt für den eindeutig kürzesten, mehrtägigen Klassenausflug überhaupt. Doch es war die Letzte. Heute in einem Jahr heißt es "nie wieder Schule" und damit auch "nie wieder Klassenfahrt". Nie wieder nervige Klassenkameraden, welche einem dann doch irgendwie fehlen. Nie wieder viele gute Freunde auf wenigen Quadratmetern. Nie wieder die Leichtigkeit des Lebens, wo die einzige Sorge "Matura" heißt. Und nie wieder Tratsch und Klatsch von anderen Pubertieren. Wobei zumindest Lästereien dürfte es überall geben. Mein Leben ist gerettet!

© Sarah Schreiter