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A nackerte Gschicht

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A nackerte Gschicht | story.one

"You can leave your hat on", sang die Männerstimme im Hintergrund, während ich mich in einer sehr kurzen Hose meinem Hemd entblößte und es ins Publikum warf. Von nun an verdeckte nur noch schwarze Spitze den nicht jugendfreien Teil. Burlesque it, baby!

Direkt vor mir saßen alle Lehrer, welche mich in den letzten Jahren unterrichtet haben. Auch der Direktor meiner katholischen Privatschule schaute zu. Die Ehrengäste, darunter Nonnen des Schulordens und der Leiter der Militärmusik, schauten sich mit vielsagenden Blicken an.

Irgendwie genoss ich die entsetzten Gesichter und warf dabei meinem Klassenvorstand ein Lächeln zu. Er war der einzige Lehrer der grinste. Die Mitternachtseinlage war in vollem Gange.

Wer aus meiner Klasse nicht so aufreizend tanzen wollte, hatte seinen Auftritt in einer der weiteren Gruppen mit einem anderen Tanzstil. Von Ballett bis 80s-Aerobic war alles dabei. Unser mitternächtliches Dancebattle sollte vielfältig und unterhaltsam sein. Man tanzt schließlich nur einmal auf seinem eigenen Abschlussball!

Eine halbe Stunde vor besagtem Auftritt, wuselte es bereits in der Garderobe. Die verschiedenen Kostüme mussten sitzen. Tütü für meine beste Freundin, kurze Jeans, schwarze Stöckelschuhe, Spitzentop, Männerhemd und Hut, für mich. Noch war mir nichts unangenehm.

Doch als ich endlich umgezogen war, kam der Schock. Zu meinem Leidwesen hatten wir in der Burlesque-Gruppe vergessen, uns unsere Outfits im Vorhinein zu zeigen und aufeinander abzustimmen.

Nun stand ich da. Niemand war so nackert wie ich. Ich hatte nicht nur die höchsten Schuhe und die kürzeste Hose an, sondern war auch die Einzige im BH. Die anderen verbanden mit dem demokratisch bestimmten "schwarzem Spitzentop" anscheinend ein einfaches Trägerleiberl anstatt laszive Unterwäsche.

"Weiß der Direktor, dass du dich so bitchig anziehst?", fragte mich ein Mädchen aus der Parallelklasse, als sie mich sah. "Nein, natürlich nicht!" Niemand wusste das. Schlimm genug, dass ich beim Ball meiner katholischen Privatschule Burlesque tanzen wollte, nun wirkte das auch noch notgeil.

Um mein Gewand besser an die anderen anzupassen, bot mir eine Klassenkollegin ihr graues Unterhemd an. Ich zog es über, doch verdammt sah das hässlich aus. An Obszönität verlor das Kostüm dadurch leider kaum.

Nicht tanzen, mit Unterleiberl oder gleich nur im BH auftreten, verschiedenste Szenarien wurden diskutiert, doch meine Klasse und ich kamen auf keine gemeinsame Lösung. Letztlich blieb uns nur noch eine Möglichkeit: Ich musste die Meinung unseres Klassenvorstandes einholen und mein Gewand absegnen lassen.

Mit angetrunkener Selbstsicherheit ging ich auf ihn zu.

"Herr Professor, kann ich so oder ohne grauem Top gehen?"

"Hast du drunter noch was an?"

Anstatt zu antworten zog ich einfach das Unterhemd hoch. Perplex schaute der Lehrer auf meinen BH, während er nach den richtigen Worten suchte:

"Mit deinen Noten darfst du alles anziehen."

© Sarah Schreiter 07.06.2020

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