mit mir selbst

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Ich muss zugeben, leicht nervös war ich schon, als ich es mir auf meiner Matte bequem machte. "Sanftes Basic und Meditation" nannte sich die Einheit, welche ich mit meinem Yoga-Abonnement buchte. Ich wollte es unbedingt einmal ausprobieren, dieses Meditieren, welches mittlerweile ja sogar schon in Apps vermarktet wird.

Ruhig werden, den Atem kontrollieren, auf der Matte ankommen. Dies kannte ich schon von meinen sporadisch besuchten Yogastunden. Das anschließende "Ommm" wirkte klischeehaft, aber nicht fremd. Doch tiefenentspannt fühlte ich mich noch lange nicht.

Vorsichtig schielte ich zu der leicht wippenden Person neben mir, für welche es anscheinend wesentlich leichter war, sich fallen zu lassen. "Einatmen, ausatmen, ja nicht zu viel denken", redete ich mir ein. Doch wie sollte ich meinen Geist abschalten, wenn alle anderen dabei so komisch aussahen?

Als die Lehrerin uns aufforderte, bewusst durch den Raum zu gehen, musste ich ein Lächeln unterdrücken. Es sah so lustig aus, wie sich alle mit leerem Blick aufeinander zubewegten. Wie sollte ich das Ganze jemals ernst nehmen?

Zum Glück fand die restliche Einheit wieder auf der Yogamatte statt, denn einfach nur sitzen, ja das kann ich. Die lockenköpfige Lehrerin versuchte uns zu leiten und nach ein paar Minuten war es schon gar nicht mehr so schwer, den Anweisungen zu folgen.

Einatmen, Ausatmen, nur auf den Atem konzentrieren. Gedanken wegatmen, den Körper spüren, die Seele baumeln lassen.

Plötzlich war sie tatsächlich da, diese ersehnte Stille. Nicht nur im Raum, sondern auch in mir. Es wirkte fast so, als hörte man das eigene Blut rauschen. Manchmal drängte sich noch ein Gedanke oder ein Funke der Außenwelt in meinen Geist, doch eigentlich war da nicht viel mehr als nichts. Ich wusste nicht, dass "nichts" so schön sein kann.

Ich vergaß die Zeit, vergaß zu denken, ließ einfach sein. So lange und doch so kurz war ich eingetaucht in dieses Gefühl.

Irgendwann öffnete ich die Augen. Die Frau mit den vielen Locken hatte mich herausgeholt aus der Galaxie meines Inneren und zurückgeführt in die altbekannte Welt. Ganz langsam und behutsam zeigte sie mir den Weg zurück in das Zimmer, in welchem ich seit einer guten Stunde saß.

Nicht einen Zentimeter hatte ich mich von meiner Yogamatte bewegt, meine Füße waren unverändert mit einer grauen Decke zugedeckt. Ich spürte den Windzug, welcher durch die leicht geöffneten Fenster schlich. Von der alten Holztür bröckelte die Farbe ab und im Hintergrund spielte leise Musik. Der Ort war mir altbekannt und trotzdem so schön anders. So vieles hatte ich zuvor nicht wahrgenommen.

Inzwischen war es draußen dunkel geworden, das einzige Licht kam von einer Laterne in der Mitte des Raumes. Die Kerze hinter dem gefärbten Glas warf bunte Flecken auf Boden und Wände. Eine Zeit lang saßen wir einfach nur da und beobachteten das Lichtspiel.

"Verbringe jeden Tag einige Zeit mit dir selbst." - jetzt verstehe ich ihn auch, den Dalai Lama.

© Sarah Schreiter