Noch einmal zum Uhrturm

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Noch einmal zum Uhrturm | story.one

Es war Sommer und anstrengend heiß. Der Asphalt speicherte die Sonnenstrahlen und ließ damit die bodennahe Luft flimmern. Trotz knapper Kleidung begann ich unmittelbar zu schwitzen, als wir aus dem Auto stiegen.

Die Stützstrümpfe meiner Uroma und ihre geschlossenen orthopädischen Schuhe mussten in dieser Hitze unerträglich gewesen sein, doch sie verlor kein Wort darüber. Wenigstens ihr breiter Sonnenhut spendete etwas Schatten.

Sie auf ihren Rollator gestützt, begannen wir in Richtung Schlossberg zu spazieren. Mein Bruder und ich tänzelten dabei um sie herum, während Mama und Papa links und rechts neben Uroma gingen. Ihrem Schritt merkte man das Alter an, sie bewegte sich gemächlich und langsam. Wir taten das Beste, uns diesem Tempo anzupassen.

Uroma war ein zufriedener Mensch und konnte den schönen Dingen des Lebens schnell etwas abgewinnen. Selbst einem einfachen Ausflug gegenüber war sie immer äußert wertschätzend gestimmt. Ihre Pension verteilte sie großzügig an uns andere Familienmitglieder, die mit ihr in einem Haushalt wohnten. "Ich hab alles, was ich fürs Leben brauche", sagte sie. Laut ihr, brauchte sie das Geld nicht, welches sie bekam.

Weil sie immer so glücklich war, wussten wir nie genau, was wir Uroma eigentlich schenken sollten. Meist verpackten wir Bücher. Sie las unheimlich gerne diese alten Bergromanzen, konnte sich jedoch mit aller Art von Erzählungen abfinden. Nur Dystopien, wie "die Tribute von Panem", mochte sie überhaupt nicht. Wahrscheinlich war es für sie nur schwer nachzuvollziehen, warum sich ausgedachte "Kriegsgeschichten" so gut verkauften, während sie selbst noch den echten Krieg miterlebt hatte.

Doch nur Bücher zu schenken, erschien uns meist zu wenig. Zusätzlich bekam sie deshalb immer noch etwas Größeres. Zu ihrem 87. Geburtstag stand deshalb "Gutschein für einen Ausflug zum Uhrturm" in der Geschenkkarte.

Auf Uromas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, als wir in der Schlossbergbahn anfingen die Aussicht zu genießen, während wir die Grazer-Gebäude langsam unter uns ließen.

Oben angekommen aßen wir erst einmal im schönen Restaurant. Uroma musste sich ja erst an die Höhenluft gewöhnen. Nach einer guten Stärkung machten wir uns auf den Weg zum Uhrturm. Es brauchte einige Pausen, bis wir tatsächlich dort ankamen, da der unebene Weg unser ältestes Familienmitglied ganz schön anstrengte. Aber Uroma lächelte weiter, selbst als die Kleider längst nass geschwitzt an ihr herunterbaumelten und die Füße zu zittern begannen. Sie war einfach glücklich.

"Das war ein schöner letzter Ausflug!", meinte Uroma dann, als der Tag sich schließlich dem Ende neigte. Wir konnten ihre Aussage nicht ernst nehmen und scherzten darüber, wann sie denn zur Pessimistin geworden sei. So endgültig hatte sie zuvor noch nie gesprochen.

Doch Uroma behielt recht. Wenige Wochen nach unserem Ausflug erlitt sie einen Schlaganfall, an dessen Folgen sie noch im selben Jahr starb.

© Sarah Schreiter