Die Kündigung

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Die Kündigung | story.one

Ich werde kündigen.

Dieses undefinierbare Gefühl, welches mich seit Monaten plagt und von innen aufzufressen drohte, hat sich still und heimlich zu einem Entschluss geformt. Hier auf einem Stein am Fuße des Fitz Roy in Patagonien ändert sich plötzlich von einer Sekunde auf die andere meine Welt, wie ich sie kenne. Der Entschluss steht fest. Die Gefühle wissen noch nicht genau was sie davon halten sollen, ein Gemisch aus Freude und Angst macht sich in mir breit. Doch ich kenne mich. Ich bin stur. Wenn ich eine Entscheidung gefällt habe ziehe ich sie durch.

Musste ich wirklich bis ans Ende der Welt fliegen um mir darüber klar zu werden, dass ich in meinem Job nicht mehr glücklich bin? Vielleicht. Seit Tagen sind wir auf der argentinischen Seite des Fitz Roy Massivs unterwegs, nur mit Rucksack und Zelt. Kein Handy, kein Lärm, nur auf das Nötigste reduziert. Endlich kann der Geist zur Ruhe kommen.

Vielleicht inspirieren mich aber auch die Geschichten der Erstbegeher dieser hohen und glatten Granitwände, die wie Nadeln aus dem Boden ragen. Kletterer, die ihrer Leidenschaft mit einer Kompromisslosigkeit frönen, die jeden noch so kleinen Zweifel ihres Vorhabens auslöschen. Von Bergsteigern und ihrem Zugang zum Leben kann man viel lernen. Für Menschen, die keinen Bezug zu den Bergen haben wirken sie als lebensmüde Hasardeure, doch ich bewundere ihren Willen, ihren Mut und ihre geistige Stärke. Bergsteiger beweisen, dass der Mensch zu so viel mehr fähig ist als er selbst zu glauben scheint. Und das heißt nicht, dass ich mich Free Solo eine 800m hohe Wand nach oben kämpfen muss, nur darauf vertrauend dass Griffe und Tritte halten und mich meine eigenen Kräfte nicht verlassen. Quasi im Angesicht des Todes nochmal jede Faser des Körpers spürend. Bergsteiger lehren einen, sich Ziele zu setzen, diese zu verfolgen, kurz vor dem Gipfel umzudrehen, wenn nötig und dies nicht als Scheitern zu sehen. Sich wieder neu zu fokussieren und die eigenen Grenzen immer wieder aufs Neue auszuloten. Dem eigenen Tun Respekt zu zollen, jedoch nicht die Angst regieren zu lassen. Manchmal heißt Bergsteigen auch radikale Entscheidungen zu fällen, die über Leben und Tod entscheiden können.

Bei mir geht es gerade nicht um Leben und Tod. Es geht „nur“ um die Entscheidung ein neues Leben führen zu wollen, ein neues Abenteuer zu wagen. Ich werde kündigen.

© sbn_aie 02.04.2020