Sieben unscharfe Tage

Ich leide unter Isolation, mir ist schwindelig und ich hätte sterben können. Das klingt nicht nur arg, das IST arg! Bevor nämlich meine Augen gelasert werden, bin ich dazu verdammt 7 Tage (S.I.E.B.E.N.T.A.G.E.L.A.N.G!) Brillen zu tragen. Und wir reden hier nicht von diesen supersexy Insta-Eyecatchern. Wir sprechen von zentimeterdicken 8,7 Dioptrien-Lupen in einem auffälligen Gestell, die mir sukzessive meine Nase zertrümmern. Mitleid? Gut! Ist nach diesen Tagen nämlich mehr als angebracht.

Tag 1

Es ist Montag und ich muss mit diesem Aschenbecherduo im Gesicht zur Arbeit. Beim Autofahren kann ich Abstände nicht anständig einschätzen und zucke jedes mal zusammen, wenn ich das Brillengestell über, unter und neben mir sehe. Im Büro erschrickt bei meinem Anblick erst meine Kollegin. Dann der Postler. Keiner sagt die Wahrheit, nur etwas wie: „Soo klein sind deine Augen damit jetzt auch nicht. Du schaust nicht hässlich, nur halt sehr sehr anders aus.“ Ich verstecke mich den ganzen Tag hinterm Bildschirm und tippe, als hinge mein Leben davon ab. Um sechs lauere ich mit meiner Visage noch der Putzfrau auf, um dann unter lebensgefährlichen Umständen wieder heim zu kriechen.

Tag 2

Man sagt immer, man gewöhnt sich an alles. Und ja: auch ans Schirchsein. In der Arbeit wird meine Optik hingenommen. „Arg wäre nur, wenn das nachm Lasern für immer so bliebe“, starrt mein Kollege. Ich bewerfe ihn mit einem nassen Fencheltee-Sackerl. Nur noch 4 Tage.

Tag 3

Immer noch scheiß 4 Tage! Die Chefin schlägt mir - mitleidig - Home Office vor. (Halleluja!) Abends daheim mache ich noch etwas Yoga. Erst jetzt spüre ich, wie grob und bleischwer dieses abgebletzt-schwarze Gestell auf meine Nase drückt. Ich ignoriere den Schmerz und atme. Morgen ist alles wieder gut.

Tag 4

Nix ist gut! Ich kämpfe gegen meine Druckstelle, indem ich die Brille durch andauernde Gesichtsfratzen-Choreos umpositioniere. Das bringt wenig Verbesserung. Dafür stechendes Kopfweh. Und Schwindel.

Tag 5

Weil ich die Frau im Spiegel die letzten Tage nicht erkannt habe, habe ich sie auch nicht übermäßig gepflegt. Ganz ehrlich: Kein Mensch sieht durch diese fetten Gläser, ob meine Augenbrauen gezupft oder die Wimpern getuscht sind. Zu meinem Asi-Look trage ich seit heute außerdem ein XL-Blasenpflaster direkt auf dem offenen Nasenrücken. Beim Einkaufen – der Klassiker – treffe ich auf die Ex meines Mannes. Sie lächelt mitleidig. Ich huste, um eine Krankheit vorzutäuschen. Kranke dürfen schirch sein. Versuche ich ihr durchs Panzerglas zu vermitteln...

Tag 6

Heute, am vorletzten Tag, war ich wandern. Ja ich weiß... Ohne Höhen abschätzen zu können, wäre ich tatsächlich fast abgestürzt. Hätte ich so überhaupt die Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen sehen...? Ich fühle mich evolutionär benachteiligt und irgendwie traurig. Dann fällt mir das Wandtattoo meiner Tante ein: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Noch nie hat mich ihr schlechter Geschmack mehr getröstet.

© Schwarz_auf_Weiß