Die Definition von Glück

  • 367

Manchmal, wenn ich Menschen interviewe, frage ich sie, ob sie glücklich sind. Ein bisschen, um die Geschichten besser zu machen. Zum Großteil aber, weil ich selbst wissen will, wie Glück aussieht und was es für andere bedeutet. Dieses mal traue ich mich die Frage danach nicht einmal zu denken.

David ist 34, er hat schöne Zähne, ein gewinnendes Lächeln. Seine türkisfarbenen Augen sind hellwach, sein Körper aber regungslos. Er sitzt mir schlaff in seinem elektrischen Rollstuhl gegenüber. David ist vom Hals abwärts gelähmt. Er kann seine Beine nicht mehr bewegen. Und auch nicht seinen Oberkörper, seine Oberarme, die Unterarme, nicht die Hände und Finger. Alles - abgesehen von seinem Kopf - ist taub. Er spürt nicht, wenn ihn jemand küsst oder streichelt. Oder zwickt. Nicht einmal kochend heißes Wasser würde er fühlen. Er kann nicht alleine duschen, nicht ohne Hilfe trinken oder das Besteck zum Essen halten. David braucht Menschen um sich, die ihn füttern, ihn im Gesicht kratzen, wenn es juckt und die ihn in der Nacht aufwecken und umdrehen, damit er keine Druckstellen bekommt.

Seit seinem Unfall vor neun Jahren war er nie mehr richtig alleine. Und auch nie mehr normal auf dem Klo. Stattdessen steckt ein dicker Schlauch in seiner Harnröhre, Pfleger müssen ihn - einen erwachsenen Mann - wickeln und sauber machen. Mit einem einzigen Tag hat David nicht nur seine Freiheit, sondern irgendwie auch ein Stück seiner Würde verloren.

Er erzählt mir, wie er damals mit 25 ins seichte Wasser der Ostsee gesprungen ist. Übermütig. Voller Lebensfreude. Und ohne daran zu denken, dass er sich dabei das Genick brechen wird. Er erinnert sich, wie er schwer verletzt an den Strand gezogen wurde. Die Lippen voller Sandkörnchen. In den Wimpern winzige Salzkristalle vom Meerwasser. Der ganze Körper wie ein schwerer Sack, der im Bruchteil einer Sekunde plötzlich nicht mehr zu ihm gehörte.

Mir kommt wieder die Frage nach Zufriedenheit oder - kurzweiliger - Glück. Dann schäme ich mich. Wie sollte er das denn empfinden, wenn er vor sich hinlebt, ohne wirklich zu leben. „Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen“, sagt er, als würde sich meine Seele in den Augen spiegeln. „Aber es geht mir gut.“

Ich höre was er sagt, verstehe aber nicht was er damit meint.

„Mich enttäuschen Menschen, die über jede Kleinigkeit jammern. Und ja, ich vermisse vieles aus meinem alten Leben. Ich habe es manchmal satt für mein Pflegepersonal Chef und Hilfloser in einem zu sein. Ich würde gerne an der Theke stehen und Frauen ansprechen. Und es bricht mir das Herz, dass ich nicht mehr Gitarre spielen kann wie früher.“ Ich traue mich nicht zu atmen. „Aber ich führe viele wertvolle und tiefgründige Gespräche. Ich habe Menschen um mich, die mich lieben; meiner selbst willen. Und ich habe Hoffnung und Träume. Unendlich viel davon." Er lächelt. „Ich Glücklicher!“

© Schwarz_auf_Weiss