Dieser.Scheiß.Rollstuhl.

Ich bin in einer Rehaeinrichtung für Querschnittsverletzte. Alles erinnert an ein in die Jahre gekommenes Krankenhaus. Gelbliche, teils abgeschürfte Wände. Breite, kahle Gänge. In der Luft eine Mischung aus Desinfektionsmittel und kaltem Früchtetee.

Im stickigen Aufenthaltsraum treffe ich Lukas. Er wirkt groß, obwohl er sitzt. Er erzählt mir, dass er beim Arbeiten von einer Leiter gefallen ist. So banal. Und so folgenschwer.

Seit etwas mehr als fünf Monaten ist er querschnittsgelähmt. 159 Tage. 3.816 Stunden. 228.960 elends lange Minuten in denen er nicht mehr aufs Klo, nicht mehr Aufstehen, geschweige denn Gehen kann. Nichts von der Brust abwärts funktioniert mehr.

Und Lukas muss damit leben.

Er weiß, dass er in diesem Sommer auf keinen Berg gehen wird. Dass er nicht Volleyball spielen und danach in den See springen kann. Er weiß, dass er viel im Schatten sitzen muss, um seine Haut zu schonen.

Lukas erzählt mir von seiner Freundin. Zehn Jahre sind sie schon zusammen und plötzlich muss zwischen ihnen dieser grobe Rollstuhl Platz haben. Wir reden über Liebe, Schicksal und über Träume.

Irgendwie kenne ich Lukas´ Geschichte. Seit mehr als vier Jahren erzählen mir Menschen, wie es ihnen nach ihrem Unfall geht. Wie es ist, auf einmal nicht mehr frei zu sein.

Zu jedem Interview komme ich mit einem leeren Blatt Papier. Gehen tu ich mit einem Rucksack voll Erinnerungen, Gedanken und Hoffnung.

Als ich mich an diesem Tag in mein Auto setze, ist etwas anders. Ich starte den Motor nicht gleich, sondern mache meine Augen zu und atme ganz lange aus. Ich bin so unendlich dankbar, dass es mir gut geht. Dass alle gesund sind. Und ich jetzt einfach in meine heile Welt fahren kann. Ich schnalle mich an und drehe am Schlüssel. Dann beginne ich zu weinen. Bitterlich. Schwere, heiße Tränen laufen über meine Wangen und tropfen auf meinen hellgrauen Pullover. Lukas könnte mein Mann sein. Oder mein Bruder. Oder ein Freund.

Ich fahre los. Die Rehaeinrichtung wird im Rückspiegel immer kleiner. Ich fahre langsam, nicht einmal 35km/h. Vielleicht, weil ich Zeit schinden will. Vielleicht, weil ich weiß, dass ich das hier mit nach Hause nehme, egal wie schnell ich bin.

Ich frage mich, ob ich den für mich richtigen Job habe. Ob es mir gut tut, dass alles immer so verletzlich ist. Mir Menschen so roh und ungeschönt ihr tiefstes Innerstes ausbreiten. Mich so an sich heranlassen. Auch nach einigen Jahren gewöhne ich mich nicht an ihre Scheißsituation, nicht an ihre pure Ehrlichkeit und nicht an ihre bewundernswerte Stärke.

Und wahrscheinlich ist das auch irgendwie gut so.

Mein Handy vibriert. Lukas schreibt: „Ich werde diesen Nachmittag nie vergessen“ und in diesem Moment - auf irgendeiner Landstraße irgendwo bei Wien – wird mir klar, dass das was ich tue wertvoll ist.

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