Ein Nachmittag im Nacktbereich

P. und ich haben beschlossen wellnessen zu fahren. Schon am Parkplatz der Therme, auf dem die ersten Familien mit Schwimmnudeln in Richtung Eingang pilgern, macht sich bei mir Realitätsunbehagen breit. Richtig zach wird´s aber erst drinnen.

Gefühlt 2 Millionen Menschen – davon mindestens die Hälfte Kinder – versuchen, so viel Wasserspaß wie nur möglich in einen Tag zu pressen. Ich starre. Sehe nur noch Keime. Auf der Suche nach Liegen falle ich über ein grünes Schwimmtier und ein Baby mit vollgesoffener Windel. Und über einen Asiaten, der am nassen Fliesenboden bruncht. „Ich will das nicht“, höre ich mich flehen. Wir legen unsere Sachen auf die einzig letzte freie Liege, ich bemühe mich um Haltung und tappe zum Massenbecken. Dort hockelt ein kleines Mädchen. „Leonie, magst du jetzt endlich mit der Mama aufs Klo gehen?“, keppelt eine schönsprechende Erwachsene sichtlich genervt mit ihrem Nachwuchs. „Ich muss jetzt nimmer“, freut sich Leonie und zeigt aufs Wasser. Ich kehre um. Will in die kinderfreie Saunalandschaft. P. folgt mir leicht genervt aber kommentarlos. Im Bereich „Auszeit“ angekommen, werde ich mit den Albträumen meiner Schulzeit konfrontiert: Alle nackt. ICH nackt.

Ich fühle mich unwohl, wäge aber ab und zurück zu Leonie ist keine Option. Wir treffen männliche Geschlechtsteile. Manchmal schau ich kurz hin und sofort danach wieder beschämt weg. „War das grad ein Mann oder eine Frau?“ P. straft mich mit verächtlichen Blicken. Ok, ich muss mich jetzt entspannen. Immerhin sind wir deshalb hergekommen.

In Sauna 1 sterbe ich vor Scham, weil mir eine sehr selbstbewusste Mitsechzigerin breitbeinig gegenübersitzt und Blickkontakt halten will. Im Dampfbad habe ich Angst vor Bakterien und Sporen. In der Infrarotkabine bin ich das erste Mal halbwegs relaxt, bis zu der Schmatzerei des Nachbarpärchens. P. will ins Außenbecken. Ich überwinde mein Viren-Kopfkino und schlurfe in die Nackerpatzl-Riesenbadewanne. Zwei Verliebte kuscheln verdächtig leise in einer Ecke. Ich habe Angst schwanger zu werden, sag es aber nicht laut, weil P. mich sonst vermutlich in dieser Genitallache ertränkt. So will ich nicht sterben.

Noch bevor ich den Tod unter fremden Penissen gedanklich weiter ausbauen kann, wird langsam eine Dame an uns vorbeigehievt. Herrgott, das Becken ist 1,40 tief. Sie wird schon nicht ersaufen, wenn sie selbst schwimmt. P. setzt dazu an, mich leicht hochzuheben. Ich ramme ihm mit Blicken ein Messer in die Brust. „Ich will nicht wie ein gestrandeter Orka durchs Wasser geschleppt werden“, zische ich. Er vergrößert den Abstand zu mir und ich fühle mich unter den lüsternen Nudisten alleine. Bevor mich noch etwas streift, verlassen wir den Pool. Und den Bereich. Und irgendwann auch das ganze Gebäude. Am Beifahrersitz angekommen, schaue ich P. reumütig an und merke, dass er mich irgendwie versteht. Ich gebe ihm einen Kuss. Ohne Publikum und warm angezogen. Wie es mir nach diesem Nachmittag am liebsten ist.

© Schwarz_auf_Weiß