Vom Zähne zeigen...

Von S. Schwarz

Mittwoch letzte Woche. Das schrille Geräusch des Bohrers singt im Wartezimmer. Dann werde ich mit meinem alten Nachnamen aufgerufen. Wie immer hier. Mein Zahnarzt bittet mich auf den Folterstuhl und fährt mich kopfüber nach hinten. Mir schießt das Blut in den Kopf. Ich soll den Mund weit aufmachen.

„Es gibt ein kleines Locherl rechts oben hinten. Da müssen wir bohren,“ nickt er seiner Assistentin zu. Bevor ich verstehe, was das bedeutet, habe ich einen Absaugeschlauch im Mundwinkel hängen und er eine Spritze in der Hand. Er beugt sich über mich und setzt die Nadel an. Ich kneife wehleidig die Augen zusammen, dann warten wir auf die Wirkung.

„Waren´s wo auf Urlaub, Frau Spreitzer?“ Ich nicke, das Schlaucherl sammelt röchelnd Speichel. „Alleine ?“ Ich bemühe mich. „A-H-N.“ Oh, wenn ich einen Teil der Zunge auf den Gaumen lege, schaffe ich ein N!

Er beginnt zu bohren. Wassertropferl spritzen mir in die Augen. Seine Assistentin beobachtet den Vorgang ganz nahe über mir. Ich verfolge den Schwung ihrer aufgemalten Augenbrauen. „So Seline, jetzt sind wir so weit.“ Der Doktor zeigt ihr irgendein Eisenteil, Seline nickt. „Darf ich das auch mal versuchen, Chef?“

NEIN, DARF SIE NICHT!%!!

„Selbstverständlich. Komm herüber.“ Das Blut in meinem Kopf pulsiert, mein Kiefer tut weh und Seline versucht sich an mir!?

„Oh, da käme man aber schon mit der Zahnseide hin...“ stellt sie angesichts meiner Baustelle fest und straft mich mit einem Seitenblick. „Ja, da müsste man generell mehr dahinter sein...“, ergänzt der Gott in ausgewaschenem Weiß unnötig.

Eine gefühlte Ewigkeit (mit vier herumfuchtelnden Händen in meinem Mund) später ist Ende in Sicht. „Sie dürfen sich aufsetzen und ausspucken, Frau Spreitzer!“ Mir ist schwindelig. Dann sammle ich mich aber akut.

„Nach 45 Minuten kopfüber möchte unbedingt sagen, dass ich meine Zähne sehr wohl pflege. Das da hinten ist echt schwer zum Hinkommen und ich habe mir diese engen Zwischenräume auch nicht ausgesucht!“ Das Spül-Becherl füllt sich in Zeitlupe mit Wasser.

„Und ich war in Portugal; mit meinem Mann, dessen Nachnamen Sie sich seit mehr als drei Jahren einfach nicht merken. Ich bin nicht böse, aber es ist wirklich nicht schwer: S-C-H-W-A-R-“.

Dann werde ich unterbrochen.

Ein schlatzig-roter Fleck am Leiberl. Er wird größer und nasser. Ich greife in mein Gesicht und spüre, dass die rechte Hälfte komplett gelähmt ist. Meine Güte, ich muss ausschauen wie Karl Dall! Und sabbern wie ein Bernhardiner! Ich trinke, auch das Wasser aus dem Becherl rinnt mir unbeeindruckt aus dem Mund. Wen wollte der Typ betäuben? Ein Pferd?!

Ab jetzt kann ich hier nur noch verlieren. Ich verlasse hastig den Behandlungsraum. „Der Termin zur Nachkontrolle, Frau Spreitzer“, schreit mir der Zahnarzt noch nach. Ich bleibe stehen, halte inne, forme meine Hände zu einem Schüsserl - direkt unterm Kinn - und gifte aus aufeinandergepressten, speichelgetränkten Lippen und mit letzter Kieferkraft: „CHWARS!!!“

© Schwarz_auf_Weiß