Wenn Blicke reden könnten

Manchmal schauen einen Menschen an und man weiß genau, was sie gerade über einen denken. Sie beäugen und bewerten einen mit diesen speziellen Blicken, sagen dann aber nix. Beispiele gefällig?

FREITAGFRÜH IN DER ARBEIT. BLICK DES POSTLERS: „HEULT DIE AM WEG HIER HER ?!“

Wir haben seit zehn Monaten eine Baustelle daheim. Erst Abriss, dann Neubau. An den Wochenenden zweckentfremde ich mein Auto für Fahrten ins Altstoffsammelzentrum und seit einem Zeitl bin ich gegen Hausstaub allergisch. Heißt: Im besagten schmutzbelasteten Fahrzeug fängt meine Nase an zu rinnen und mein Gesicht schwillt an, als wäre ich auf Kortison. Außerdem nehme ich ständig irgendwelche Autostopper mit, die so schlecht riechen, dass ich gezwungen bin die Fenster – auch bei seitlich einschlagendem Nieselregen – runterzukurbeln. So pisst es mir am Weg in die Arbeit direkt ins aufgedunsene Gesicht und ich kann nix dagegen tun. Ich weine also nicht, sondern bin ganz einfach teils asozial, teils sozial. Und jetzt gib mir dieses Packerl!

SAMSTAGNACHMITTAG. SPARMITARBEITERIN NONVERBAL: „ALTER, WARUM STARRT DIE SENFGURKEN AN?“

Weil ich rechne! Ich rechne ununterbrochen, wenn ich vor Lebensmitteln stehe. Wie viele Portionen sind in einer Packung, wie viele Leute sind heute zum Essen da und wie viel Spazi schlage ich zur Not raus. Ich starre, weil mein Gehirn so viel addiert, multipliziert und bruchrechnet, dass mich die kleinste Geste dazu zwingen würde, wieder von vorne anzufangen. Und jetzt lass mich bitte einfach diese verdammten Gurkerl gedanklich zerkleinern und in den Wurstsalat mischen, damit ich weiß, wie viele Gläser davon ich gleich heim schleppen muss.

MITTWOCHNACHMITTAG. BLICK DER NACHBARIN: „ENDLICH IST SIE SCHWANGER. MIT 31 EH LÄNGST A RISIKO.“

Ich bin nicht schwanger, sondern fresse gerade einfach wie ein Drescher. Ich meine: Ich arbeite oft wie ein Mann, warum soll ich bitte essen wie ein Vogerl? Eben. Außerdem macht Hunger grantig und das führt zu einem größeren Risiko, als die Kinderplanung noch ein bissl rauszuzögern.

DIENSTAGFRÜH. BLICK ELEKTRIKER: „WIE HAT DIE DIESEN KUCHEN SO HINGEKRIEGT, WENN SIE NICHT MAL WEISS, WO IN DER KÜCHE SIE STROM BRAUCHT?“

Hab ich nicht. Oma hat ihn gemacht, weil sie mich liebt und du kannst dich noch lange an ihn erinnern, weil du *nie.wieder* ein Stückerl davon kriegen wirst. Ha.

SAMSTAGABEND. INSTAGIRL AN DER BAR: „BOAH EJ, DIE UNGESTYLTE DA KÖNNTE MEINE MUM SEIN...“

Sei froh, dass ich es nicht bin, sonst hätte ich dir längst diese Glitzerbommel vom Smartphone geschnitten, dir das Gesicht gewaschen und dir etwas angezogen, das deine Nieren wärmt und dich nicht nackt aussehen lässt. Und jetzt zwing mich nicht dazu, dir im Real Life zu sagen, dass diese abfälligen Blicke irgendwann tiefe Falten machen, die dir kein Filter dieser Welt jemals wieder wegzaubern kann.

Tja. All das hab ich gedacht. Nix davon gesagt. Weil man eh nie “Everybody´s Darling” sein kann. Und es auch nicht sein muss :-)

© Schwarz_auf_Weiß