Nur im Süden ist Rettung

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Nur im Süden ist Rettung | story.one

Mit unserem Seat düsen wir über die Ponte Vasco da Gama. Wenig hatte ich bisher für Brücken über, aber in diesem Moment verstehe ich die Faszination, die sie auf manche ausüben. Ich wünschte fast, diese Überfahrt würde ewig dauern. Aber er wartet schon, der Süden.

Lissabon mit seinem Touristen-Gewusel in den engen Straßen liegt hinter uns. Vor uns, am anderen Ende der Brücke, wartet die Freiheit. Ich drücke die Hand von P., die am Schalthebel liegt, wir werfen uns ein Lächeln zu und atmen fast synchron aus. Beide lassen wir mehr als nur den Großstadtwirbel zurück, haben diese Reise – jede für sich – zu einem ganz persönlichen Wendepunkt erklärt. Und ich spüre, dass sie auch dem 10. Jahrestag unseres ersten gemeinsamen ganz großen Abenteuers würdig wird.

Unser Ziel wollen wir über die Landstraße erreichen. Wir machen Zwischenstopps am Meer, lassen uns den Wind durch die Haare jagen und halten dort, wo es uns zum Mittagessen einlädt. Auf der gesamten Strecke kommen uns nur wenige Autos entgegen, die Natur verändert sich scheinbar von Kilometer zu Kilometer und wir, wir entspannen uns langsam. Musik. Singen. Gespräche. Schweigen. Tief durchatmen.

Unsere Unterkunft wählten wir nach einem Hauptkriterium: Sie sollte so abgeschieden wie möglich sein. Wir suchten also ein winziges Dorf und dort die abgelegenste Übernachtungsmöglichkeit. 10 Minuten vor Ladenschluss erreichen wir noch den Supermarkt und decken uns mit Köstlichkeiten für die nächsten Tage ein, bevor wir uns auf die letzten Kilometer machen.

Der Fahrtwind trägt einen Duft nach trockener Erde, Pinien und der großen Freiheit ins Wageninnere, als ich von der Straße auf den unbefestigten Weg abbiege und auf Schritttempo drosseln muss. Der mickrige Scheinwerfer lässt neben den Schlaglöchern einen lichten Wald erahnen, sicher bin ich jedoch nicht, was genau uns hier umgibt. Mehrmals erkundige ich mich, ob wir auch wirklich noch auf dem richtigen Weg seien. Als ich halte, um eine Kröte den Weg passieren zu lassen, sehe ich in P.‘s Gesicht und dann auf den kleinen Bildschirm in ihrer Hand.

„Entweder es erwartet uns dort ein Horrorfilmszenario oder die absolute Idylle.“

„Hoffentlich Letzteres.“

Sicher sind wir beide nicht. Während ich den Wagen durch das Gelände manövriere beschleicht mich ein immer unangenehmeres Gefühl, dass sich verstärkt, als ich unter lautem Gebell an unserem Ziel halte.

Doch da kommt uns schon Antonio mit einem breiten Lächeln und seinem freundlichen Labrador entgegen, heißt uns herzlichst willkommen und zeigt uns das Haus. Plötzlich weiß ich gar nicht mehr, worüber ich mir eben noch solche Sorgen gemacht habe, und ein altbekanntes Gefühl macht sich breit. Ankommen. Endlich wieder zu Hause sein. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen man nicht das Geringste verändern will. Es ist alles ruhig. Und unter dem funkelnden Sternenhimmel, umringt von Natur und Stille, stoßen wir später ganz leise an. Auf die Freiheit. Auf den Süden.

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