На здароўе!

Ich bin – meinem Geburtsjahr 1997 geschuldet – im Selbstverständnis aufgewachsen, dass der Besuch eines anderen EU-Landes keine Hürde für mich darstellt. Auch im Sommer 2016 bin ich grenzkontrollfrei nach Vilnius gezogen, aber meine Story über Europa handelt eigentlich von einem systemisch gänzlich verschiedenen Land …

Einer Verwechslung mit dem schönen französischen Ort Brest geschuldet, landeten mein Freund und ich nämlich eines Tages in einer postsowjetischen Kleinstadt gleichen Namens irgendwo in Weißrussland. (Touristisch kann ich nichts empfehlen. Weil es gerade modern ist, nur so viel: Um einen exotischen Ort fernab von Touristenmassen zu erleben, muss man gar nicht ans andere Ende der Welt fahren. Hier, mitten in Europa, spricht auch niemand Englisch, lernt man ein komplett anderes Weltbild kennen und ist als Ausländer überhaupt weit und breit allein.)

Nachdem wir den sowjetischen Riesenschädel, die Attraktion der Stadt, begutachtet hatten, gingen wir noch etwas trinken. Viele werden das kennen: Gerade bei Nicht-EU-Bürgern merkt man erst, welche Außenwirkung so ein europäischer Pass haben kann. In unserem Fall bekamen wir es mit ein paar Weißrussen zu tun, die in großzügiger Gastfreundschaft sogleich ihre vermeintlich mit Wasser gefüllte Karaffe brüderlich mit uns teilen wollten. Da der Wodka dort aber fast schon wie gegen den Durst getrunken wird, kam es, wie es kommen musste.

Als Nächstes wachten wir in der Früh mit Schuhen im Bett, zehn Minuten vor der Zugabfahrt, auf. Long story short: Natürlich schafften wir es nicht rechtzeitig zum Rückflug nach Minsk. Die österreichische Botschaft, die wir wegen Visa-Regularien kontaktierten, vertröstete uns lediglich mit dem Hinweis, heute sei Ostermontag. Amen! Ok, dann fahren wir halt mit dem Zug heim.

Aber da haben wir die Rechnung ohne den weißrussischen Überwachungsstaat gemacht. Zehn inzwischen zugestiegene PolizistInnen kamen schnurstracks auf uns zu: „Ah, you are the Austrians“, sagten sie schon am Weg zu uns, ohne je unsere Pässe gesehen oder mit uns gesprochen zu haben. „We will take your passport, you have to leave the train!”, wies man uns bestimmt an. Relativ eingeschüchtert, wir befanden uns schließlich in der (hoffentlich) letzten Diktatur Europas, musste ich dennoch fast schmunzeln. Zu schräg sahen diese PolizistInnen mit ihren typisch russischen tellerförmigen Mützen für mich aus, deren riesige Schatten uns völlig in Dunkelheit tauchten. Mittlerweile war es bereits Mitternacht. Ich war 20 geworden. Nicht am Weg zu meinen wartenden Freunden, sondern in die entgegengesetzte Richtung, ohne Handyempfang und mit viel Restalkohol im Blut. Mir wurde klar, wie wenige Kilometer uns gerade von der EU-Grenze trennten und wie anders es hier nichtsdestotrotz war. In Litauen hätte es schließlich ohne dessen EU-Beitritt genauso sein können: Angst vor Willkür, Überwachung und ein endloser Aufwand wegen eines Grenzübertritts …

© Sebastian Redl