"Obessagwond"

Meine Interviewpartnerin war Annemarie. Sie ist 72 Jahre alt und im Dezember 1946 in Arnsdorf geboren worden. Mit 20 Jahren heiratete sie einen Bauerssohn aus Asten, einem Ortsteil in der selben Gemeinde. Annemarie ist meine Oma mütterlicherseits.

Annemarie besuchte eine sehr kleine Volksschule, in dieser waren 4 Schulstufen in einem Klassenraum zusammengefasst. Wenn man schlimm war, musste man im Eckerl stehen, es gab einem der Lehrer mit einem Lineal einen Schlag auf die Finger, man wurde am Ohr gezogen oder musste sich vor die Tür stellen. Meine Oma erzählte mir, dass einmal ein schlimmer Junge raus musste. Dann kam der Schulinspektor und fragte ihn, was er vor der Tür mache. Darauf erwiderte der Junge, es stinke ihm im Klassenraum zu sehr und deshalb sei er raus gegangen. Sie erzählte auch, dass sie damals das Unterrichtsfach Handarbeiten unter den Bäumen im Garten hatten, das wäre heutzutage unvorstellbar.

Damals hatte man während des Schuljahres nicht viel Freizeit, weil bereits die Kinder am Hof helfen mussten. Aber in den Ferien wurde bis zum Abend gespielt. Zum Beispiel Fangen, Völkerball, Verstecken, „Räuber und Gendarm“ und nach der Maiandacht wurden Maikäfer gefangen. Meine Oma erzählte mir, dass ihr Bruder eine Bande hatte. Der andere Teil vom Dorf hatte auch eine und diese zwei Banden konkurrierten untereinander.

Zum Essen gab es nur, was am eigenen Hof erzeugt wurde. Es wurde fast nie etwas gekauft – wo sollte man auch. Im Sommer gab es kein Fleisch, weil es nicht haltbar war. Damals gab es wenig bis gar keinen Kaffee und wenig Bier. Bier und Kracherl waren eine Belohnung für harte Arbeit. Aber es wurde oft Most getrunken.

Zum Thema Kleidung hat sie mir folgendes berichtet: Damals gab es das Festtagsgewand, das Sonntagsgewand das ‚‚Obessagwond‘‘ (Auch-Gutes-Gewand), ‚‚Bessagwond`` (Besseres-Gewand) und ‚‚Weretogsgwond‘‘ (Werktagsgewand). Bei Schuhen verhielt es sich gleich wie beim Gewand, außerdem gab es noch Tanzschuhe.

In der Familie hatte jeder eine bestimmte Aufgabe. Die Mutter kochte, der Vater hielt den Hof instand und die Kinder halfen. Manchmal halfen auch die Großeltern, zum Beispiel beim Grasen. Am Abend setzten sich alle in der Stube oder auf der Hausbank zusammen.

Meine Oma bekam wenig Taschengeld, weil sie ohnehin für die Schule alles bekam. Das Geld wurde von den Eltern verwaltet. Man bekam zu besonderen Anlässen (Weihnachten, Geburtstag, Namenstag) und zum Gratulieren etwas Süßes oder ein Geschenk. Meine Oma bekam ihr Rad erst, nachdem sie das Melken erlernt hatte.

In Lamprechtshausen gab es bereits in ihrer Kindheit einen Zug. Ihre Familie hatte trotzdem schon bald ein eigenes Auto, ebenso hatten sie einen Traktor. Sie erwirtschafteten ihr Einkommen durch den Verkauf von Holz und durch Milchwirtschaft.

Meine Oma hatte ein hartes Leben obwohl sie auf einem eher reicheren Hof aufwachsen durfte. Sie sagt jedoch selbst, dass ihr dies nicht geschadet habe.

© SebastianF