Sinnstiftende Machtlosigkeit

Es war der wärmste September, den ich bislang erlebt habe als dennoch nächtens der unabwendbare Frost kam. In jener Nacht wandelte sich das "Tochter sein" in ein endgültiges Erwachsensein. Absehbar aber dennoch schlagartig.

Drei Uhr früh zeigte die Uhr, als ich in jener Nacht erwachte. Trotz Übelkeit war es, als durchliefe mich ein warmer, inniger Schauer. Sofort waren meine Gedanken im Krankenhaus. Bereits wissend, nahm ich morgens den Anruf entgegen. Meine Mutter starb um 3:06 in jener Nacht. Sie war also nicht mehr da - zumindest nicht mehr so, wie sie mein gesamtes Leben lang für mich da war. Ihr langer, mutiger Kampf hatte ein Ende gefunden.

Zwei Wochen verbrachte ich im Krankenhaus. Leistete Gesellschaft, hielt die Hand, brachte Lieblingsessen, diente als Sprachrohr - war aber die meiste Zeit einfach nur da. Machtlos. Ich konnte nichts tun - es gab nichts mehr zu tun.

Fand meine Kraft, meinen Trost in der empfundenen Sinnhaftigkeit dieser Machtlosigkeit, in der empfundenen Nähe und Innigkeit. Und dem schlichten Unvermögen nicht da zu sein.

Spüre noch das Gewicht des sich anlehnenden Kopfes, die Wärme der gesprochenen Worte. Erfreue mich an der Erinnerung, Zeuge des nach langem wieder ersten Nachmittags voller Zufriedenheit und Glücks gewesen sein zu können. Lächle über die vorhandene Begeisterung im Krankenzimmer, da das Feuerzeug zum Bademantel und das Innenfutter des Trolleys zur Farbe der Einrichtung passte.

Als in der letzten vollständigen Sommernacht in einem Krankenhausbett Körper und Geist einbrachen, wurde anders Ort angestoßen. Bereits vermutend, das letzte Aufbäumen miterlebt zu haben, wurde die Erinnerung an einen wunderbaren, euphorischen und glücklichen Nachmittag begossen. Der wissentlich naiven, unrealistischen Hoffnung, doch noch gemeinsam das Beste aus der verbleibenden Zeit machen zu können, wurde gefrönt. Mündend in einem per WhatsApp versandten Fotos voller gut gelaunter Leute: “Trinken heute auf dich!“.

Am nächsten Morgen lag weiterhin ein Körper im Krankenbett, der sich ästhetisch einfügende Trolley stand im Blickfeld, das Feuerzeug lag neben dem dazu passenden Bademantel, das Handy meldete eine ungelesene, neue Nachricht. Aber nur MEIN Bewusstsein war anwesend. Zumindest eine Zeit lang. Wohl ahnend und insgeheim auch hoffend, dass das Leiden bald ein Ende fände, vertrieb mich meine Hilflosigkeit, mein einsames „Warten“ auf den letzten Atemzug meiner Mutter vom Krankenbett.

Acht Stunden vor dem letzten nächtlichen Besuch meiner Mutter, verabschiedete ich mich von ihr. Sie löste ihre Hand von meiner mit den Worten „Baba, schlaf gut“.

Ihre Entscheidung, die Therapie nicht fortzusetzen, um noch das Beste aus der verbleibenden Zeit machen zu können lag einen Monat zurück.

© Seelenschreiberling