Eigentlich keine Zeit

Ich war wie so oft ein bisschen zu spät dran. Nur ein bisschen, fünf Minuten früher und es wäre sich ganz kommod ausgegangen. "Nun gut, es geht sich ja noch aus" dachte ich mir als ich eiligen Schrittes durch die rote Fußgängerampel zum Anhalten gezwungen wurde. Neben mir ein alter, gebrechlicher Mann in seinen 80igern. Als die Ampel auf das von mir so sehnsüchtig erhoffte Grün schaltete blieb er trotzdem stehen.

"Darf ich sie über die Kreuzung geleiten?" hörte ich mich fragen noch bevor ich klar dachte. Ja, das durfte ich. Um small-talk zu betreiben fragte ich wohin er denn unterwegs sei: "Ins Café Prückel" nahm ich abgelenkt durch meinen inneren Monolog, warum ich das jetzt wieder gemacht hatte, obwohl ich ja eigentlich gar keine Zeit hatte und ja wegen dem vielleicht zu spät komme, gar nicht wahr. Hatte ich doch ein geschäftliches "Coffee-Vernetzungs-Date" und noch keine ruhige Minute, um mein Navi nach dem genauen Weg dorthin zu fragen weil ich davor keine ruhige Minute hatte um es mir am Plan anzusehen und keine Zeit um zu schreiben dass ich mich vielleicht verspäte. Im Café Prückel.

Moment?! Café Prückel? Dort wollte ich doch auch hin. "Na das ist ja ein Zufall! Können sie mir vielleicht den Weg weisen?".

So geleitete ich den alten Mann-oder er mich- ohne Navi zu meinem "Coffee-Vernetzungs-Date". Langsam und vorsichtig gingen wir den Ring entlang und er begann mir zu erzählen dass er schon ewig dorthin ging, dass es halt immer beschwerlicher wurde. Und mir wurde die mögliche Verspätung zunehmends egal. Als wir im Café eintrafen begrüssten ihn die Kellner wie einen alten Bekannten und geleiteten ihn zu "seinem" Tisch.

Bereits das Café durchforstend nach meinem "Coffee Date" hörte ich ihn sagen: "Möchten sie nach ihrer Verabredung noch einen Kaffee mit mir trinken? Oh, haben sie keine Sorge, ich möchte ihnen keine Avancen machen." In das ein ein wenig verschmitzt grinsende faltige Gesicht blickend entgegnete ich dass ich leider gleich nachher weiter musste.

Als meine Verabredung nicht wie erhofft ein paar Minuten früher als geplant zu Ende war um ein wenig Luft für meinen nächsten Termin zu gewinnen ging ich zum Ausgang. Ich sah den alten Mann an seinem Tisch sitzen. Nicht einsam wirkend aber dennoch alleine. Meine Jacke angezogen, die Laptop-Tasche in der Hand und mein Handy konsultierend ob ich es denn noch pünktlich zum nächsten Termin schaffte, hielt ich inne.

Ich zog die Jacke aus, stellte meine Tasche neben den Stuhl und setzte mich zu Herrn Dr. Konrad. So hiess er nämlich. Und er war unglaublich stolz auf seine Töchter die in New York und London lebten und ihr Leben vorzüglich meisterten. Ich erinnerte ihn an eine seiner Töchter.

Das erfuhr ich während ich einen seelenwärmenden Kaffee trank - und mich zehn Minuten bei meinem nächsten Termin verspätete.

© Seelenschreiberling