Eine unbemerkte klitzekleine Kleinigkeit

Es waren wirklich sehr gelungene Bewerbungsfotos. Sie zeigten eine junge, dynamische Frau, die bereit war sich jeder Herausforderung zu stellen. Wunderbar belichtet und mit einem Lächeln, dass sogar die Augen erreichte. Nur eine klitzekleine Kleinigkeit verriet, dass es ihr nicht wirklich gut ging. Dass sie Sorgen, Gedanken hatte, die sie nachts wach hielten und vielleicht für ein Gläschen zuviel vor dem Einschlafen sorgten.

Diese junge, dynamische Frau, die überzeugt ist, alles schaffen zu können, bin ich. Und das klitzekleine Detail ein leicht geschwollenes linkes Augenlid. Kaum erkennbar, aber dennoch da. IMMER da wenn es mir nicht wirklich gut geht. Und immer schon nur zu sehen, zu erkennen und zu deuten von meiner Mutter. Es begleitet mich seit meiner Kindheit. Sie sah es. IMMER. Und es mündete in unserem "Erwachsenendasein" IMMER in einem sorgenvollen Blick ihrerseits und einem „es ist alles gut, Mama, ich komme damit zurecht“ meinerseits, weil ich nicht wirklich, zumindest nicht mit ihr, darüber reden wollte.

Man mag über meine Beziehung zu meiner Mutter denken was man will. Sich sein eigenes Urteil bilden und dies kundtun - oder auch nicht. Dass sie egoistisch war als sie meine Schwester und mich nach der Scheidung in den 80er Jahren bei meinem Vater „gelassen hat“. Ihr empfundenes „es nicht zu schaffen“ lediglich eine Ausrede für ihre eigene Freiheit war. Dass sie sich dafür in Selbstvorwürfen „gesuhlt“ hat und ihr Leben, ihr Glück aufgegeben hat. Dass sie sich in einer unglücklichen Beziehung gefangen fühlte, weil sie uns keine neuerliche Veränderung antun wollte. Dass sie das alles lediglich als Ausrede verwendet hat, um nicht etwas, um nicht SICH wirklich ändern zu müssen.

Doch sie hätte es gesehen, hätte es bemerkt - und sich gesorgt.

Helfen, wirklich helfen könnte sie mir nicht, hätte es auch nie gekonnt. Weil ich mich nicht gänzlich öffnete, weil sie es ganz einfach nicht konnte, wegen unserer Geschichte, ihrem für mich so stark fühlbaren schlechten Gewissens. Meinem noch aus Kindheitstagen konserviertem Wunsch ihr zu gefallen, sie glücklich zu machen. Und auch weil sie Ausreden fand. Im letzten Jahr dann die erste echte, in der „objektiven Welt“ gültige Begründung, die nie explizit ausgesprochen wurde: „Ich würde ja gern, aber ich kann nicht, ich bin krank, ich habe Krebs“.

Nun, da meine Mutter viel zu früh von uns, von mir gegangen ist, wird dieses klitzekleine Detail, diesen unauffälligen Spiegel meiner Seele niemand mehr bemerken. Keiner mehr danach fragen. Nun ja, außer mir .

© Seelenschreiberling