Wahrer Traum

Es war sieben Uhr. Wie jeden Tag kroch ein kleines Mädchen unter meine Decke. „Mama, warum schläfst du noch?“ Was war denn für ein Tag? Montag?Donnerstag? Nein. Sonntag. Zu unterscheiden von den anderen Tagen da ich am Vortag nicht schon um 22 Uhr sondern erst um Mitternacht schlafen ging und dass ich nicht arbeiten musste. Zumindest nicht in meinem Brotberuf.

Aber was höre ich da? „Mäuschen? Komm runter ich hab eine Überraschung für dich.“ Aufgeregt lies mich meine Tochter im Bett zurück und ich konnte noch zwei Stunden in Ruhe ausschlafen. Also war heute doch etwas anders….

Als ich gegen neun Uhr ausgeschlafen und kaffelüstern die Stiegen ins Wohnzimmer hinunter ging war ich voller Erwartung dieses im Chaos von gestern – ich hatte echt keine Lust mehr es wegzuräumen – vorzufinden. Doch wieder war etwas anders. Das Wohnzimmer war aufgeräumt. Eine Tasse Kaffee stand auf der Bar in der Küche und meine Liebsten lächelten mich aus dem gemeinsamen Spiel heraus an. Ach wie wunderbar. Nur ein kurzes „Guten morgen Mama“, kein „MAAAMAAA, hoppa, ich will kuscheln, spielst du mit mir?“. Ich erhielt die Zeitung - heute einmal noch unzerlegt und sogar noch eingepackt – mir wurde mein Kaffee gereicht und ich setzte mich auf die Couch.

Jeder Vereinnahmungsversuch meiner Tochter wurde geschickt abgelenkt. Und es funktionierte - war es heute ja auch so lustig mal mit Papa zu spielen. Ich war begeistert. Nun, was wollte ich mit diesem echten „freien“ und verantwortungslosen Tag denn anfangen? Ich wusste es nicht. Und das war herrlich. Ich machte, was mir in den Sinn kam. Zeitung lesen, im Garten was herumräumen, meinen Kasten ein wenig in Ordnung bringen. Ganz einfach da sitzen und die Gegend betrachten. Ich machte eigentlich das, was mein Mann fast jedes Wochenende machte. Und mein Mann das, was ich fast jedes Wochenende machte.

Sogar das Mittagessen übernahm er. Begleitet durch unsere Tochter, die mithelfen wollte, das UNBEDINGT ansehen wollte und Aufmerksamkeit einforderte. Da fiel es selbst meinem sonst so ruhigen Mann schwer auch noch nach dem hundertsten Mal der Abverlangung seiner "Multi tasking" Fähigkeit sie freundlich abzulenken und Spass mit ihr zu treiben. Da kam auch mal ein forscheres „Mäuschen, ich möchte das jetzt fertig machen. Bitte lass mich kurz in Ruhe.“

An diesem Abend, als unsere Tochter nach der dritten allerletzten Geschichte und der zehnten Erzählung ihrerseits eingeschlafen war, freute sich mein Mann auf Ruhe und ein Glas Wein. Ich lies ihm diese Ruhe – er hatte es sich verdient. Obgleich ich einiges zu erzählen hatte und an diesem Tag von ihm wenig Aufmerksamkeit bekam wusste ich, dass er jetzt mal Ruhe und Zeit für sich brauchte.

Und so verging dieser für mich herrliche Tag. Im Kreis meiner Liebsten. Aber dennoch mit Zeit für mich und wunderbaren, herzerwärmenden Beobachtungen meiner Tochter mit ihrem Vater.

Was für ein wunderbarer Muttertag – als Vater. Ein wahrer Traum. Und dann wachte ich auf. Es war sieben Uhr....

© Seelenschreiberling