Wie geht es dir?

Nach einem knappen halben Jahr sah ich meine gute Bekannte wieder. Bei einem Aperol Spritz standen wir mit unseren prachtvollen Masken an einem Stehtisch zusammen. Nachdem die Begeisterung über die stimmungsvolle Eröffnung, das tolle Ambiente und die schönen Kostüme ausgetauscht war, ging es weiter mit der sozial akzeptierten Floskel wie es mir denn ginge. „Danke, alles gut bei uns. Unsere Sophia wächst prächtig heran. Und, wie geht es dir?“ Die Augen hinter der glitzernden Maske wurden glasig. „Wir hatten viel zu tun. Meine Mutter ist im September verstorben. Da mussten wir nach dem Tod meines Bruders im Juni gleich zwei Haushalte auflösen.“

Autsch. Das hatte ich ja ganz vergessen. Sprachen wir doch bei der sommerlichen Grillfeier unserer letzten Begegnung über unsere Mütter. Emotional aufgewühlt da meine Mutter einen Tag zuvor beschlossen hatte, die Chemotherapie nicht fortzusetzen, hatte ich an diesem Nachmittag ganz einfach keine Lust auf bedeutungslosen Smalltalk. So öffnete sie sich im Gegenzug auch mir, und erzählte, dass es ihrer Mutter gar nicht gut geht und wie schrecklich es war, dass sie den Tod ihres eigenen Sohnes noch miterleben musste.

Aus den glasigen Augen hinter der Maske traten Tränen. Damit hatte ich an diesem rauschenden Ballabend wirklich nicht gerechnet- hätte ich aber sollen. Denn mit derartigen Antworten sollte man immer rechnen, wenn man nach dem Befinden eines Anderen fragt. Wenn es einen nicht interessiert sollte man ganz einfach auch nicht danach fragen. Anteilnahme und emotionale Öffnung sind keine Einbahnstraßen. Möchte man emotional berührt werden, muss man sich auch berühren lassen und berühren. Und das egal in welchem Ambiente.

In eigentlich gänzlich anderer Stimmung erzählte ich, dass meine Mutter ebenfalls verstorben ist und legte meiner Bekannten die Hand zumindest in tröstender Absicht auf die Schulter. Etwas hilflos ob der unerwarteten traurigen Emotionen meinte ich, wir – und meinte eigentlich nur mich - müssten ja jetzt nicht darüber reden und suchte ein für mich passenderes Thema für den rauschenden Ballabend. Doch auch meine Nachfrage nach ihrem Job ergab nicht den an diesem Abend durchaus von meiner Seite erwünschten Smalltalk. Sie war gekündigt worden.

Da zog eine Showeinlage in der Eingangshalle unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wunderbar! War das nicht wirklich eine stimmungsvolle Performance, was für ein schönes Ambiente und erst die prachtvollen Kostüme!

© Seelenschreiberling