Die Superheldin

"Ach, ich stelle morgens den Backrohrtimer auf 12.45 Uhr, die Tiefkühllasagne schieb ich sofort in den Ofen, decke den Tisch und wenn meine Tochter Mittags nach Hause kommt, Ofen auf, Essen fertig. Alles ganz easy!"

Eine Bekannte, Superheldin und Organisationsgenie, blies mir diesen Satz entgegen und ich fühlte mich als totale Chaotin und Versagerin.

Aber heute spüre ich auch die Superheldin in mir. Hochmotiviert schnappe ich im Supermarkt den Backfisch. Ich finde kleine Frühkartoffeln, die muss man nicht schälen. Dazu gibt's Karottensalat aus dem Glas, perfekt. Ab nach Hause!

Ich arbeite den ganzen Vormittag, dann bereite ich mein genial durchdachtes Schnell-Menü vor, dazwischen düse ich ins Bad und räume die Wäsche in den Trockner, bring` die Kinderbetten in Ordnung und decke den Tisch.

Da sogar noch Zeit bleibt, werfe ich mich kurz aufs Sofa. Gott, ich könnte sowas von einem Nickerchen gebrauchen.

Plötzlich, ein Blick auf die Uhr, es kann doch nicht schon.. schnell Herd abschalten, ab zum Kindergarten und den Jüngsten holen. Den Riesensack mit den zu klein gewordenen Sachen meiner Kinder für meine Freundin nehm ich auch gleich mit, geht ja in Einem. Kind abholen, Sack vorbeibringen, nach Hause und essen. Guter Plan! Im Stiegenhaus rase ich an meinen Nachbarn vorbei, der Sack passt natürlich nicht auf das Fahrrad, also schneller Wechsel in das Auto.

Auffallend voll geparkt heute vor dem Kindergarten, denke ich noch. Packe mein Kind ein und am Weg nach Hause werfe ich den Kleidersack bei meiner Freundin vorbei. Eigenartigerweise öffnet ihre Mutter, die meint, dass heute doch das Schultüten-Basteln sei, ohne Kinder! Während ihre Enkelkinder mich zwischen ihre Beine hindurch anlächeln.

Oh, nein! Total vergessen! Netterweise bietet sie mir an, meinen Sohn doch hier zu lassen, wenn ich dafür den frischgebackenen Gugelhupf in den Kindergarten mitnehmen könnte. Meine Freundin hätte ihn gebacken, aber er sei nicht rechtzeitig fertig geworden. Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen!

Ich tausche also rasch Sohn gegen Kuchen und eile zurück in den Kindergarten. Jetzt ist auch klar, warum heute alles vollgeparkt ist, auch das schallende Lachen der Damengruppe aus dem Bastelraum, das ich vorhin im Vorbeisausen wahrgenommen habe. Mich 100 Mal entschuldigend betrete ich den Werkraum und setze mich leise zu den bereits emsig bastelnden Müttern. Den duftenden Kuchen stelle ich lautlos zum Buffet. Meine Freundin erwähnt, dass sie auch Kuchen gebacken hätte, der aber leider nicht mehr fertig geworden wäre. Ich blicke kurz auf und sage "Jetzt ist er fertig!"und deute auf den mitgebrachten Gugelhupf. Wir lachen. "Und wo ist dein Sohn?". "Na, bei deiner Mutter!" Wieder schallendes Lachen.

Mein perfekt geplanter Tag endet anders als gedacht, aber Sohnemann bekommt eine tolle, selbstgebastelte Schultüte, wir hatten viel zu lachen und man glaubt gar nicht, wie köstlich kalter Backfisch ist, wenn man richtig hungrig ist.

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