Verkehr unter Fremden

Dass früher alles besser war, ist eh klar. Vor allem in Zell am See war früher alles besser. Also nicht ganz früher, da war es schlecht. Sehr schlecht sogar. Aber so in den Wohlstandsjahrzehnten der 1960er und -70er-Jahre, da war alles besser. Wirklich alles!

Da gab es zum Beispiel keinen "Massentourismus", weil in den 60ern da fuhren nur die "feinen Leut" weg. Und sie fuhren freilich nach Zell am See. Und selbst die Bustouristen, die es damals auch schon gab, die waren "einfache Leut", die "froh waren, dass sie auf Urlaub fahren durften" und daher "dankbar". So hört man es von den Älteren.

Außerdem war es spannender. Nicht nur wegen der freien Liebe und so, sondern auch des Alkohols wegen. "Da habens noch nicht so viel kontrolliert", sagt man mit Verweis auf die Polizei. "Viel weniger Verkehr war auch", heißt es und damit ist nur der Staßenverkehr gemeint. Weil den anderen Verkehr, den gab es zu Haufe! Also in erster Linie einmal den Fremdenverkehr. Und dann den Verkehr mit den Fremden und den Verkehr der Fremden untereinander. Ein Heidenspaß war das und meistens hat immer irgendeiner einen Rausch und eine Lederhose gehabt.

So soll zum Beispiel eine belgische Dame in einer "Fremdenpension" ihrem Mann eine schlimme Erkältung vorgetäuscht haben, nur um dann den Gast eines anderen Hotels bei sich im Zimmer zu empfangen, der sie von ihrem Siechtum zu erlösen probierte. Jeden Tag kam er auf's Zimmer, aber die Arme blieb am nächsten Morgen wieder im Bett. Ihr Mann ging Skifahren und soff auf den Hütten die damaligen Trend-Spiritusse "Bergteufel" und "Gletschereis", während seiner Frau von dem freundlichen Herrn aus dem Hotel nebenan geholfen wurde.

Ein Mal aber kam der Mann früher nach Haus, weil ihm der Bergteufel den Garaus zu machen drohte. Er pumperte an die Zimmertür. Drinnen pemperte der Konkurrent. Von der frühzeitigen Heimkehr aufgeschreckt, nahm dieser kurzerhand den Notausgang – über den Balkon geradewegs in den nachts zuvor gefallenen Schnee. Sein Hotel lag ja gleich nebenan, so stakste er hurtig durch den Tiefschnee in sein Domizil, während die Frau dem betrunkenen Ehemann ganz verschwitzt die Zimmertür öffnete. "Du bist ja ganz fiebrig", soll der Besorgte gesagt haben. "Ja, ich war grad beim Fiebermessen", so die Unpässliche.

Tatsächlich, es war früher alles besser – auch die Spiritusse und die Metaphern!

© Sepp_Rasser