Von Grenzen und Schranken

Heiner F., Zug'roaster erster Generation, fühlt sich in Zell am See sehr wohl. Er liebt die Berge und ist schon als Kind mit seinen Eltern oft hierher gekommen. Irgendwann haben die hier eine kleine Wohnung gekauft, die sie mehrmals im Jahr als Feriendomizil verwendeten. Mittlerweile wohnt Heiner mit seiner eigenen Familie hier und hat auch eine eigene Wohnung. Sein Bruder kommt alle paar Wochen auf Besuch – ja, Zell am See ist für die F.s eine zweite Heimat geworden. Aber Heimat, das ist ein schwieriger Begriff!

Heiner geht gerne "Bergwandern", wie er sagt. Das ist eine Mischung aus dem Allerweltsbegriff "wandern" und dem was die Einheimischen "auf die Berg' gehn" nennen. Heiner wandert gut. Er durchsteigt flott steile Waldpassagen, hopst über Stock und Stein und nimmt gerne den einen oder anderen "Stich", wenn ihm die sich nach oben schlängelnden Wanderwege zu einfach erscheinen. Entgegenkommende Wandernde grüßt er am liebsten in der Art der Einheimischen mit einem kernigen "Griaß enk!", wobei der Schlusslaut in einem gutturalen Malstrom aufgeht. "Tach!", entgegnen ihm die meisten. Manche sagen auch "Hi!". Da knurrt Heiner F. immer ein wenig abschätzig, denn vor allem am Berg fühlt er sich richtig einheimisch. Da macht ihm kein Flachlandtiroler was vor, schon gar keiner mit Sandalen an den Füßen, wie er sie bei vielen seiner deutschen Landsleute zu erkennen glaubt.

Manchmal erzählt er den Einheimischen von seinen "Bergwanderungen". Diese schauen nur gelangweilt und sagen "jojo" und "aha". Dann fragen sie ihn, ob er denn Schwammerl gefunden habe. Hat er meistens nicht. "Jo nochand", sagen sie nur und bedeuten ihm damit, dass sein "Bergwandern" damit ein relativ sinnloses Unterfangen darstellt. "Aber ihr Einheimischen, ihr habt es auch viel einfacher! Ihr habt für die ganzen Schranken auf den Forststraßen die Schlüssel! Ich muss immer von ganz unten starten!" - "Jo eh", sagen diese dann und meinen damit, dass es schon einen Unterschied geben muss zwischen Einheimischen und Zug'roasten. Das wurmt den Heiner F., der so gern ein Einheimischer wäre. Aber es gibt in Zell am See eben Grenzen, die nicht einmal ein guttural überstrapaziertes "Grias enk!" überwinden kann. Und ein Schlüssel für einen Forststraßenschranken – es gibt wohl kein schöneres Zeichen der Zugehörigkeit in einer heute so entgrenzten Welt!

© Sepp_Rasser