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#diagnosemensch

Muted

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Muted | story.one

"Es ist ein Gefühl, als würden die Stimmbänder plötzlich verschwunden sein, stumme Angst macht sich breit, man kann nicht sprechen." Genau das sagte ich meiner Therapeutin. Mutismus, das war die Antwort darauf. In Stresssituationen neigt mein Körper dazu einen leichten Mutismus aufzubauen, das bedeutet in gewissen Momenten wird mir das Sprechen verwehrt. Mein Körper verwehrt es mir, ich möchte sprechen, aber es will einfach nicht funktionieren. Die Wörter sind in meinem Hals, finden den Weg zu meiner Zunge aber nicht.

Stumm.

Fremde meinten es wäre unhöflich, Freunde meinten ich würde mich, wie jemand besseres fühlen, meine Familie meinte es wäre Trotz. Es ist eine Krankheit, die das ganze Leben beeinflusst. Wörter über Wörter in meinem Kopf, doch keines findet seinen Weg nach draußen. Tage, an denen kein einziges Wort über meine Lippen geht, Nächte in denen ich wach liege, Momente in denen alles so surreal ist.

Auf stumm geschaltet.

Eine Therapie dafür? Die gibt es vielleicht, aber ich kann doch sprechen. Ich habe Gefühle, ich habe Ausdrücke, ich habe ein Herz. Nichts davon ist stumm, bloß meine Stimmbänder wollen mir den Ausdruck verwehren. In einer lauten Welt, in der ich selbst stumm bin, eine Welt in der die Stimme alles ist. Eine Welt, geschaffen für jeden.

Ich habe selektiven Mutismus. Das bedeutet, ich kann manchmal nicht sprechen, auch wenn ich es unbedingt will. Eine psychisch bedingte Krankheit, schon seit meiner Kindheit. Ich habe gelernt damit umzugehen, ich habe gelernt in einer Art zu kommunizieren, die manchen vielleicht seltsam erscheint. Kommunikation über meine Schrift, über meine Musik, über meine Kunst. Ich kann sprechen, manchmal jedoch kann ich es nicht.

Vielleicht entstand es aus Angst, vielleicht aus einem anderen Grund. Vielleicht entstand es bereits in meinen Baby Jahren, genau sagen kann das niemand. Vielleicht hätte eine Trauma Therapie es ins Licht rücken können, aber wozu?

Manchmal muss man still sein, um zu sehen.

Es ist hart, besonders in der Arbeitswelt. Ein stummer Tag bedeutet ein harter Tag. Erklärungen an den Arbeitgeber, wieso es vorkommen kann, dass ich an manchen Tage nicht spreche, Erklärungen, wie ich kommunizieren. Es ist schwer.

Mit den Jahren habe ich erneut gelernt zu Sprechen, mit Tricks, mit Übung, mit Hilfe. Was das für mich bedeutet? Es bedeutet für mich, dass man alles schaffen kann. Selbst aus einer Welt entfliehen, in der alles laut ist, nur man selbst still.

Manchmal bin ich stumm. Manchmal bedarf die Realität keiner Worte.

© Sharky 2020-07-08

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