Ein Kind sucht seine Grenzen

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Ein Kind sucht seine Grenzen | story.one

Und so kam es, dass nach einem spielintensiven Vormittag Ben übermütig wurde.

Vorerst stapelte er seine Bausteine, wie üblich, zu hohen Türmen. Doch mit der Zeit war ihm dies anscheinend nicht genug an „action“ und er begann die Türme umzuwerfen. So weit, so gut. Anfangs konterte er den Hinweis darauf, dass das Zerstören der Türme nicht unbedingt eine gute Idee (9/11!) sei, mit seinem unschlagbaren, spitzbübischen Grinsen und „Bravo“-Rufen.

Nach weiteren Aufbauten und Zerstörungen, die einhergingen mit einem immer unschuldiger werdenden Blick, erhob ich, vorerst nur geringfügig, meine Stimme.

Als er jedoch begann, die Bauwerke nicht nur umzustoßen, sondern die einzelnen Bausteine im gesamten Raum per wegwischender Handbewegung zu „verteilen“, wurde meine Mahnung begleitet von einem harschen Ton und einer gewissen Bestimmtheit („Ben, so geht das nicht!“).

Daraufhin geschah etwas, dass ich so nicht erwartet hatte und bislang auch noch nie geschehen war. Er fing lauthals zu weinen an und nach seiner Mama zu rufen. Ich war perplex und wusste im Moment nicht damit umzugehen. Allerdings fasste ich mich rasch und entschied mich die Opa-Rolle einzunehmen. Also verständnisvoll und beschwichtigend.

Ich nahm ihn also in den Arm, tröstete ihn und fragte, wie ihm denn seine Mama helfen könnte. Seine Antwort war ehrlich und erfrischend („weiß nicht.“) und führte dazu, dass weder ich ihm noch er mir böse sein konnte.

So suchten wir gemeinsam das Badezimmer auf, trockneten seine Tränen, kämmten seine Haare und waren wieder ein Herz und eine Seele. Allerdings dürfte ihm aufgefallen sein, dass ich noch nicht ganz im reinen mit mir und dem Vorfall war, sodass er sich genötigt sah, noch einen Satz auszusprechen, der wieder einmal zeigte, zu welcher Empathie mein Bubu fähig ist: „Opa, bist du traurig?“.

„Jetzt nicht mehr, Ben.“

© shaunshem 14.07.2019