Der letzte Plan

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So wie meistens hatte ich einen genau durchdachten Plan für diese Lebenslage. Jede Kleinigkeit sollte exakt so eintreten, wie ich es mir ausgemalt hatte, da es das nur in den seltensten Fällen nicht tat. Jedes Wort, jede Uhrzeit, jedes Treffen – all das tüftelte ich in den Nächten aus, in denen ich nicht sofort einschlafen konnte. Wie erhofft, schien mein Plan auch dieses Mal zu funktionieren. Ich schrieb ihm eine Woche bevor das Treffen stattfinden sollte, damit er nicht sagen konnte, es sei zu spontan. Außerdem fand das Treffen meiner Vorstellung nach gezielt an diesem Freitag in einer Woche statt, um einerseits ein kleines Weihnachtsgeschenk nicht zu früh zu überreichen, andererseits aber sollte es zeitlich weit genug vom Weihnachtsfest entfernt sein, um dabei nicht andauernd an das Treffen denken zu müssen. Der weitere Verlauf des Plans bestand aus drei Schritten, die sich aus dem Verfassen und Abschicken drei wichtiger Nachrichten ergaben. Zuerst mussten am 24. Dezember Weihnachtsgrüße gesendet werden, die ihm zeigen sollten, dass wir dennoch an ihn dachten, auch wenn er nicht das Fest mit meiner Familie und mir feierte. Der zweite Schritt sollte die besten Wünsche für das neue Jahr beinhalten und ihm erklären, dass das Auswechseln der Jahreszahl beim Schreiben des Datums nicht bedeutete, dass ich ihn im letzten Jahr zurücklassen würde. Die dritte und letzte Nachricht sollte an seinem Geburtstag stattfinden, der weniger als drei Wochen vom Neujahrsbeginn entfernt war. Dem Plan folgend wurden ihm mit dieser letzten Nachricht die Zügel übergeben und er müsste von diesem Zeitpunkt an entscheiden, ob und wann er sich melden würde. Ich wusste, dass dieser Plan perfekt war. Meine Emotionen konnte ich so kontrollieren und es war trotzdem möglich, Anstand zu beweisen und immer noch ernsthafte Zuneigung zu zeigen. Ich fand die ideale Balance zwischen Nähe und Distanz und eben aus diesem Grund war ich zuversichtlich, dass nichts diesen Masterplan umwerfen würde. Die erste Etappe war bereits geschafft, denn sowohl das optimal angesetzte Treffen sowie die herzlichen Weihnachtsgrüße hielten sich an mein Konzept. Auch wenn eindeutig mehr Emotionen involviert waren, als ich dachte, war mein Vorhaben so ausgeklügelt, dass diese mich nicht aus der Fassung bringen konnten. Aus heutiger Sicht fehlten nur noch zwei Schritte, damit das Kapitel abgeschlossen werden konnte, und es war bereits der Tag vor Silvester. Es schien, als konnte es nicht besser laufen, doch ich rechnete nicht mit der einzigen Sache, die ich aufgrund meiner Erfahrung hätte einplanen müssen. Auch er überließ nichts dem Zufall. Er wusste genau wie ich, wann er was zu sagen hatte. Und so traf einen Tag vor Silvester, an dem ich bloß noch zwei Hürden zu meistern hatte, sein Grande Finale in Form einer kleinen bescheidenen Nachricht ein, die das Spielchen beenden sollte: „Ich weiß, es kommt plötzlich, und das tut mir leid, aber bitte schreib mir nicht mehr.“

© Sheela Taheri