Die keusche Helene

Zu Beginn meiner Karriere war ich ein Rattetrambo. Den Begriff hatte ein Gebietsleiter der Reinigung geprägt und er bedeutete, dass wir im Zuge der Wiener Rattenverordnung Häuser und Keller auf Rattenbefall kontrollierten und bei Bedarf Köder auslegten. Für diese Tätigkeit, brauchte man guten Kontakt zu Hausbesorgern und Bewohnern der zu kontrollierenden Häuser.

So kam es, dass ich die gesamten Elite der Senioren und ihre Gewohnheiten kannte. Diese waren sehr hilfreich, wenn man in den Keller oder die versperrten Höfe gelangen wollte.

Unter den netten Damen war auch die fast achtzigjährige Frau Helene Mayer, welche mir immer die Schlüssel für den Keller überlies und mich stets mit den neuesten Nachrichten des Viertels versorgte.

Eines Tages erzählte sie mir im verschwörerischen leisen Ton folgendes:

„Am Dienstag war ich bei der Marta, sie wissen schon die aus dem zweiten Stock. Wir haben Karten gespielt und Eierlikör zum Kaffee getrunken. Die Marta macht den Eierlikör selber, ein Gedicht sag ich ihnen und nicht so ein süßes Wasserl wie der gekaufte!

Danach, es war schon halb zehn, hab ich mich fürs Bett fertig gemacht. Dazu mach ich die Vorhänge fest zu, weil der Bauer von Visasvis gerne rüber gafft, der war schon im Fünfziger Jahr hinter mir her, der alte Lustmolch!“

Es sei erwähnt, dass Herr Bauer bereits fünfundachtzig Jahre alt kurzsichtig und an den Rollator gebunden war.

„Also wie ich die Vorhänge zugezogen habe, hab ich gedacht ich seh nicht recht. Hab sofort die Marta angerufen und sie gefragt, mit was sie den Eierlikör gemacht hat, Mit Absinth?

Die Marta war entrüstet und hat mich g´fragt wie ich auf den Blödsinn komm.

Da hab ich ihr gesagt was ich gesehen habe. Eine Horde weißer Ratzen!

Hat die Marta gemeint, „geh Elli, die rennen schon sein zwei Wochen da rum. „ Sie hätt mir nur nix g´sagt weil ich mich eh so vor ratzen fürcht!“

Stellen´s sich vor zwanzig weiße Ratzen.

Es stellte sich später heraus, dass ein Junger Mann der eine Schlange sein eigen nennen konnte, auf die glorreiche Idee verfallen war, Geld zu sparen und die Futterratten selbst zu züchten. Was er nicht bedachte, dass Ratten sich, wenn man sie nicht nach Geschlechtern trennt, rasend schnell vermehren.

Ergo hatte er nach kurzer Zeit jede Menge Ratten. So viele konnte die Schlange nicht fressen, zum Verkaufen fehlte damals noch das Internett und ein Verkaufszettel im Supermarkt mit verkaufe Ratten, wäre nicht wirklich gut angekommen.

So entschloss sich der Held die überzähligen Ratten im nahe gelegenen Park auszusetzen.

Die keusche Helene berichtete mir bei jedem Besuch über die aktuellen Sichtungen der immer kleiner werdenden Gruppe.

Und die Eierlikör produzierende Marta tauschte mit mir, noch so manches Likörrezept aus.

© Siegfried Czeczelich