Vom Leben in der Schweiz

Als junge Schauspielerin erhielt ich ein Engagement in die Schweiz. Und so packte ich meinen VW-Käfer voll, nahm auch meinen Kater Aljoscha mit und machte mich auf den Weg nach Baden bei Zürich. Dort hatte das Theater eine Wohnung für mich gefunden in einem alten Haus direkt an der Limmat. Die Wohnung war geräumig und umfasste eine ganze Etage: 4 Zimmer plus einer großen Küche, die voll eingerichtet war, mit Tisch und Sesseln auch einen Essplatz bot und zudem über Kühlschrank und Waschmaschine verfügte. Ansonsten war die Wohnung leer. Zum Schlafen hatte mir der Sekretär des Theaters netterweise eine Matratze zur Verfügung gestellt. Einen Einbauschrank gab es außerhalb der Wohnung, im Korridor, der vom Stiegenhaus zur Terrasse über der Limmat führte. Am ersten Abend vernahm ich Geräusche und ein leises Quieken, das aus dem Gemäuer kam und sich nach Mäusen anhörte. Nachdem aber Aljoscha die Wohnung in Besitz genommen hatte, hörte das Quieken nach 2 Tagen auf. Später brachte mir der Kater aus dem Keller mehrmals eine tote Maus als Trophäe oder „Liebesgabe“. Mich im Städtchen Baden einzuleben, war nicht ganz einfach. Ich war eine Fremde und bekam dies auch zu spüren. Die Kollegen am Theater bemühten sich zwar, mit mir hochdeutsch zu sprechen, doch untereinander unterhielten sie sich in schwyzertütsch, wovon ich kein Wort verstand. Auch in den Geschäften und Lokalen wurde ich zwar freundlich, aber distanziert behandelt. So flüchtete ich an den ersten Wochenenden ins nahe gelegene Frankreich, wo ich mich sofort zu Hause fühlte. Die Menschen dort waren wesentlich offener mir gegenüber, die Sprache war mir vertraut, die Atmosphäre lockerer. Am liebsten wäre ich ganz dort geblieben – doch das war natürlich unmöglich. Ich hatte ja einen Vertrag am Theater, freute mich auch auf die Arbeit dort und hatte vor, das Beste daraus zu machen. Nach einigen Wochen verstand ich den schwierigen Schweizer Dialekt, auch wenn es mehr als ein Jahr dauern sollte, bis ich mich traute, selbst schwyzertütsch zu sprechen. Selbstverständlich erkannten alle, dass ich keine Schweizerin war, und antworteten mir auf hochdeutsch. Eine Kollegin, die ebenfalls neu am Theater engagiert war, zog zu mir, wir teilten uns die 4 Zimmer und alle Nebenräume, sie brachte Möbel mit, und ich erstand das eine oder andere Stück am Flohmarkt oder im Brockenhaus in Zürich. Wir kauften ein und kochten gemeinsam, und bald wurde unsere Wohnung als gastfreundlicher Ort von den Kollegen am Theater genutzt, die uns gerne nach einer Vorstellung aufsuchten, die eine oder andere Flasche Wein mitbrachten und bis in die Nacht hinein mit uns über Gott, die Welt und natürlich das Theater diskutierten. Praktischerweise befand sich unser Wohnhaus gegenüber vom Theater, das am anderen Ufer der Limmat lag, verbunden durch eine uralte Holzbrücke. Als ich Jahre später wieder in Baden war, gab es zwar noch die alte Brücke, nicht jedoch das Haus, in dem ich zwei Jahre lang gewohnt hatte.

© Sigrid Farber