Ich war ein anderer

Versteckt hinter einem Wacholderbaum beobachte ich die vielen Menschen. Sie machen mir Angst, verunsichern mich. Mit einigen von ihnen versuche ich ins Gespräch zu kommen. Doch ich kann mich ihnen nicht verständlich machen.

Einige der Besucher weinen. Die Tränen der Anwesenden lasten schwer auf mir. In ihren Seelen kann ich sehen, dass nur bei wenigen die Trauer echt ist.

Das Ganze kommt mir sehr merkwürdig vor. Was mache ich hier? Der Grund meines Hierseins an diesem Ort liegt für mich noch unter einem Nebelschleier verborgen. Warum kann ich mich diesen Menschen nicht verständlich machen?

Einige Besucher unterhalten sich angeregt. Nun siegt meine Neugier über meine Unsicherheit und ich geselle mich zu dieser Gruppe. Eine der Anwesenden erklärt gerade, dass ihr Ehemann ein wahres Monster gewesen sei. Ja, sie habe sogar alle seine schrecklichen Eigenschaften auf zweiundvierzig A4 Seiten niedergeschrieben. Ständig habe es Ärger weg der Küchen- und Schranktüren, die sie immer offen gelassen hatte, und der Fernbedienung des Fernsehers gegeben. Auch wegen der herumliegenden Wäsche hätte es immer wieder Streit gegeben.

Fassungslos starre ich die Frau an und frage mich, über wen sie so schrecklich spricht. Wie kann ein Mensch 42 Seiten lang nur Schlechtes über einen anderen schreiben? Warum lässt sie sich nicht einfach scheiden?

Die Gruppe, in der sie sich befindet, gibt ihr Recht. Bestätigt ihr, dass sie mit einem regelrechten Scheusal verheiratet war. Ich bin entsetzt. Meine Seele wird schwer vor Kummer und Leid. Gibt es derartige menschliche Ungeheuer tatsächlich?

Etwas abseits steht eine andere Frau. Auch sie weint und ich spüre, dass ihre Tränen echt sind. Sie hatte das Gespräch der anderen mit angehört und ist zutiefst schockiert.

Erst als ich den Sarg und das Bild, das darauf steht sehe, dämmert es mir, dass diese Menschen über mich reden. Und jene Frau, die mit dem Monster verheiratet war, ist meine eigene Frau. Ich nehme an meinen eigenen Begräbnis teil, höre zu was meine ehemalige Familie über mich erzählt und kann es nicht fassen!

Die sich mir darbietende Szenerie erinnert mich an ein gut besuchtes Theaterstück. Einer meiner Söhne hat sogar seine gesamte Schulklasse zu diesem Anlass eingeladen. Trauer zeigt keiner von ihnen.

Die einzigen, die zu mir halten, mich verteidigen und Fürsprache halten, ist meine Schwester und ihre kleine Familie. Eine verschwindend geringe Zahl an Menschen, gemessen an der Menge die an meinem Begräbnis teilnehmen.

Schwer lasten die verletzenden Worte meiner Familie auf meiner Seele und ich beginne zu weinen.

Hat denn nie jemand meine guten Seiten gesehen? Auch nicht meine eigene Familie? Hatte ich denn wirklich nur schlechte Eigenschaften? Zweiundvierzig Seiten lang?

Weinend stehe ich unter all den Leuten und kann mich nicht verständlich machen.

Ich war doch ein anderer!

© Silvia M. Gugganig