Krischan

Seit Wochen hatte er keine Möglichkeit mehr um sich zu waschen. Im Sommer konnte er am frühen Morgen am nahegelegenen Fluss ein wenig Körperhygiene machen. Doch nun kündigte sich der Winter an.

Mühevoll versuchte er mit einem Kamm, der nur mehr die Hälfte der Zähne hatte, seine langen, verfilzten Haare zu entwirren. Durch den Regen, der ihn am Nachmittag überrascht hatte waren sie, so wie seine Kleider nass. Nur seine löchrigen Soldatenstiefel hatte er mit alten Plastiktüten schützen können. So waren wenigstens die Füße trocken geblieben. Entmutigt gab er den Kampf mit seinen Haaren auf.

Eine kalte Nacht kündigte sich an. Vorsichtig lugte Krischan um die Hausecke. Alles schien ruhig zu sein. Tastend suchte er unter den Müllcontainern und fand die alten Kartons wieder, welche er als Unterlage zum Schlafen benutzte. Die erbosten Hausbewohner hatten sie nicht gefunden, als sie ihn ein paar Tage zuvor verjagt hatten.

Seine Hände zitterten, als er mit vor Kälte klammen Fingern in der löchrigen Manteltasche nach der Streichholzschachtel suchte. Gott sei Dank, sie war noch da! Mit bebenden Händen zündete er eine kleine Kerze an. Die flackernde Flamme war das Einzige in seinem Leben, das seiner Seele ein kleines bisschen Wärme und Frieden gab.

Er starrte auf seine dunkel gefärbten Hände, streckte seine Finger aus und betrachtete traurig seine langen, eingerissenen Fingernägel. Sie waren genauso schwarz wie seine Stimmung.

Seit Tagen quälte ihn ein schlimmer Husten und jeder Atemzug schmerzte. Er fühlte sich elend und wünschte sich nichts mehr, als in Ruhe gelassen zu werden. Müde legte er seinen Kopf auf den Plastikbeutel, indem sich seine gesamte Habe befand, und fiel augenblicklich in tiefen Schlaf. Er träumte von einem blonden Engel, der sich über ihn beugte und von blauem Licht umgeben war. Das wunderschöne Wesen sprach mit ihm. Doch so sehr Krischan sich bemühte, er konnte sie nicht verstehen.

Krischan klammerte sich an den Engel. Er fühlte sich geborgen und wollte diesen Himmelsboten nie wieder loslassen. Er konnte nicht wissen, dass der blonde Engel eine Ärztin war. Hausbewohner hatten ihn bewegungslos gefunden und den Notarzt verständigt.

Jahrelanges Leben auf der Straße und die Kälte der letzten Tage hatten sein Immunsystem zerstört. Wenige Tage später verlor er den Kampf gegen die schwere Lungenentzündung.

Als die Bewohner der Häuser, bei deren Mülltonnen Krischan hin und wieder übernachtet hatte von seinem Tod hörten, war die Betroffenheit groß.

Die Speisereste von ihren überfüllten Tischen waren im Müll gelandet, Krischan hatte sich von diesem Abfall ernährt. Die meisten Bewohner hatten ihn deswegen beschimpft und ihn verjagt. Nun quälte sie das schlechte Gewissen.

Wäre sein Leben zu retten gewesen, wenn sie ihm wenigstens hin und wieder geholfen hätten? Mit etwas warmer, trockener Kleidung, oder indem sie ihn einfach in Ruhe gelassen hätten?

Eine Woche später hatten sie Krischan vergessen!

© Silvia M. Gugganig