skip to main content

#familienwahnsinn#haut

Haarscharf die Kurve gekratzt

  • 67
Haarscharf die Kurve gekratzt | story.one

„Mama, es ist mir peinlich, aber ich habe da unten höllische Schmerzen", stammelte mein Sohn, als er unerwartet am frühen Nachmittag vom Sportgymnasium heimgekehrt war.Mit bleichem Gesicht zeigte er auf jene Stelle, an der bei der männlichen Spezies im Idealfall die sogenannten Familienjuwelen baumeln.

Mit Blinddarmsymptomen kannte ich mich aus, aber für diesen Notfall war ich, und vermutlich auch nicht der Hausarzt, gerüstet. Die Tagesklinik in Gänserndorf schien für mich daher die bessere Option, auch wenn die Fahrt dorthin, auf der mein armes Kind auch noch seinen Mageninhalt entleerte, eine gefühlte Ewigkeit dauerte.

Die Krankenschwester beim Empfang erkannte sofort den Ernst der Lage und schickte den Ärmsten sofort zum Arzt, der eine Hodendrehung konstatierte. In der Folge wird das betreffende Organ nicht mehr durchblutet und es trifft vor allem Sportler und junge, heranwachsende Männer.

Nun musste rasch gehandelt werden, erstens um die Funktion der Kronjuwelen zu erhalten, und zweitens, um eine lebensbedrohliche Thrombose zu verhindern. Im Eiltempo wurde dann der junge Leistungssportler in der benachbarten Roten Kreuz Station in den Rettungswagen verfrachtet und ich sollte zum nächstgelegenen Krankenhaus nach Mistelbach hinterherfahren.

Das konnten die Sanitäter aber nicht ernst gemeint haben, denn die Ambulanz düste mit Blaulicht und Tatütata, während die Ampel Rot zeigte, gleich über die nächste Kreuzung. Ich aber hatte nicht den Bonus des Einsatzfahrzeuges und wagte es daher nicht, die Rettung à la 007 weiterhin zu verfolgen.

Nun war guter Rat teuer, denn ich war ortsunkundig und kannte das Spital nicht. Kein Navi, aber ein Nokia Handy. Via Telefon lotste mich der beste aller Väter durch die umliegenden Ortschaften und ich erreichte nicht viel später als der Krankenwagen die Notaufnahme. Rasch unterzeichnete ich die nötige Einverständniserklärung und schon wurde der tapfere Basketballer in den OP gerollt.

Während die Notoperation im Gange war, sollte ich Formulare bei der Patientenaufnahme ausfüllen. Eine einfühlsame Schwester erkundigte sich:

"Ist priesterlicher Beistand erwünscht?“

Meine Knie wurden weich, ich schwankte, stand es denn wirklich schon so schlimm um meinen Sohn? Nach banger Rückfrage versicherte man mir, dass das nur eine Routinefrage wäre.

Das ohnmächtige Warten vor dem OP nützte ich, um meine beiden Töchter, die nach der Schule ein verwaistes Haus vorgefunden hatten, und den besorgten Vater über den Stand der Dinge zu informieren. Etliche Stoßgebete später erhielt ich vom verantwortlichen Chirurgen die erlösende Nachricht: Sie sind gerade noch rechtzeitig gekommen, sie können Großmutter werden!“

Nachdem er aufgewacht war, konnte ich meinen Liebling erleichtert in die Arme schließen.

Anscheinend hat ihm die rasante Fahrt im Rettungswagen so imponiert, dass er jetzt selbst als Rettungssanitäter seine Ambulanz durch Wiens dichtes Verkehrsnetz lenkt.

© Silvia Peiker 2020-11-22

familienwahnsinnhaut

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Silvia Peiker einen Kommentar zu hinterlassen.