Das schwarze Pferd

  • 88

Im Linde-Kaffee war diesmal ein atemberaubend schöne Figur, ein trabendes schwarzes Plastikpferd mit zackig fliegender Plastikmähne. Sobald nach dem Mittagessen Ruhe eingekehrt war - Großmutter und Mutter im Weingarten, mein Bruder mit seinen Freunden auf neuen Streifzügen durch Wald und Flur -, packte ich mein Pferd und rannte in die Toreinfahrt, um dort im weichen Sand eine Pferdekoppel zu bauen aus trockenen Weinreben und Holzstäbchen, die ich mit eingeweichten Strohhalmen umwickelte und mit einem alten Taschenfeitel zurechtschnitt. Sogar ein Gatter gelang mir ganz zufriedenstellend. Dann begann ich die Koppel mit Steinen und Moospolstern zu verschönern. Auch eine Wasserstelle richtete ich ein mit einem hübschen kleinen Plastiktrog aus einer früheren Malzkaffeepackung.

Während ich so beschäftigt war, sprang in meiner Fantasie das edle Geschöpf elegant und mühelos über den Zaun und galoppierte in die Freiheit, lief auf Sandwegen quer durch die Felder und suchte Abenteuer. Doch die waren schwer zu finden. Der Staub wirbelte unter seinen Hufen auf und legte sich auf das ohnehin schon welke Gras am Wegrand. Hinter Zäunen standen die Kühe und Pferde der Großbauern im saftigen Gras, drehten ihm den Rücken zu und wedelten träge mit Schwanz und Schweif. Außer ein paar Hofhunden, die an klirrenden Ketten kläffend, knurrend und geifernd die Zäune entlangliefen und in ohnmächtiger Wut, ihm nichts anhaben zu können, die Gitter hochsprangen, nahm niemand Notiz von ihm. Als es den Ort hinter sich gelassen hatte, sah es bis zum Horizont nur Grundstücke, die jemandem gehörten, der kein Interesse an einem schäbigen Plastikgaul hatte.

Ich ließ das Gatter offen und trottete zurück ins Haus. Ein paar Tage später kam mein Bruder in die Küche und warf mir ein sandverklebtes Etwas vor die Füße. „Lass dein Klumpert nicht überall herumliegen."

© Sine 05.04.2020