Die engen Grenzen der Dichtung

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Die engen Grenzen der Dichtung | story.one

Ein Erlebnisaufsatz sollte es werden, geschrieben in der Unterrichtsstunde. Einleitung, Hauptteil, Schluss.

Also ließ ich meinen Helden ein Boot besteigen und das schmale Bächlein, das sich durch unseren Ort schlängelte, dorfauswärts steuern. Dazu musste ich das Bachbett vertiefen und die Ufer etwas auseinanderschieben. Da noch immer etwas zu wenig befahrbares Wasser floss, ließ ich es einige Tage lang regnen, ehe mein Held aufbrach.

Es war nicht sein Boot. Dass er es dennoch benutzte, lag daran, dass er sich mit seinen Eltern gestritten hatte. Sie hatten ihm verboten, noch einmal mit einem Hundebaby nach Hause zu kommen. Da war, weiß Gott, weder Zeit noch Geld für einen tierischen Mitbewohner.

Mein Held kam nach einer ereignislosen Fahrt entlang sanft wogender Weizenfelder in eine kleine Stadt. Aufgehübschte Damen ließen sich von eleganten Herren ins Café im Park ausführen. Ein Mädchen mit aufgelöstem Haar lief von der Ordination des Arztes in Richtung Apotheke.

Schon setzte die Dämmerung ein. Das Bächlein war zu einem Bach mit starker Strömung geworden, die das Boot immer schneller mit sich trug. Die kleine Stadt blieb zurück, die Menschenstimmen verklangen, das letzte Hundegebell verstummte. Da stellte mein Held mit Entsetzen fest, dass seine Schuhe durchnässt waren, weil unentwegt Wasser ins Bootsinnere drang. Er konnte nicht schwimmen.

Die Stunde war zu Ende, ich war zufrieden. Meine Lehrerin weniger. Sie war keineswegs gerührt vom nahenden Tod des Buben. Als sie uns am nächsten Tag die Hefte zurückgab, prangte unter meiner Geschichte in Rot „Ges.“ und „SCHLUSSTEIL FEHLT! VERBESSERUNG!“

Das Boot fiel der anschließenden persönlichen Aussprache zum Opfer. Schließlich bastelte der verhinderte Tierfreund aus totem Holz und Zweigen ein Floß, das sich rasch wieder auflöste, was ihn reumütig durch das kniehohe Wasser ans Ufer und nach Hause trotten ließ, wo eine Standpauke und die Verhängung von einer Woche Küchendienst für seine Unbotmäßigkeit und die durchweichten Schuhe auf ihn warteten und er schließlich ohne Abendessen ins Bett kroch.

Warum nicht gleich so.

© Sine 01.08.2020