Redeverbot

Es war kurz nach Silvester und ich hatte mich scheinbar verkühlt. Der Hals kratzte und ich fühlte mich gar nicht wohl.

Am nächsten Tag erschrak ich bei meinen ersten Worten- jeder Bariton an der Met, wäre vor Neid erblasst.

Zweiter Tag Sopran, dritter Tag Quitschentchen- Tag vier rien ne va plus!

Also, ab zum Onkel Doktor.- Ich stelle mich an, hole den Krankenschein raus und den Zettel mit der Aufschrift „Kann nicht sprechen“.

Ich bin dran, lege die Papiere auf das Pult. Sogleich schreit mich die Ordinationshilfe an „Wird etwas dauern- nehmen Sie Platz!“

Ich drehe den Zettel um und schreibe: „Höre sehr gut“.

Sie entschuldigt sich.

Endlich komme ich dran. Lege Seite 1 den Arzt vor- er schreit mich an- ich wende den Zettel.

Er untersucht mich und schreibt ein Rezept und dazu einen Zettel mit „Redeverbot“.

Ich dreh den Zettel um und schreibe „Wie lange?“

Er kommt drauf, dass ich höre und sagt „mindestsens eine Woche- machen Sie draußen einen Termin aus“

Ich schnappe mir die Zettel plus einen und schreibe „Bitte Termin in einer Woche“

In der Apotheke geht das Zettelspiel mit anschreien weiter- alles gut, ich bekomme mein Medikament.

Papier ist eine gute Erfindung und ich kaufe noch rasch einen Block bevor ich nach Hause fahre.

Ich sperre auf – meine bessere Hälfte ist schon da und schaut fern.

„Hi, gehen wir heute essen?“

Hole Zettel 1 raus- Vorderseite

Er grinst wie ein Honigkuchenpferd.

Lege Zettel mit „Redeverbot“ vor

„Ich wusste, es gibt einen Gott“

Kritzle am Block: „Scheusal“

Er lacht, als gäbe es kein Morgen und gluckst „Wie lange?“

Schreibe: „mind. 1 WO“

Er tanzt wie eine vergiftete Maus im Kreis und freut sich.

Einerseits wütend und enttäuscht, Andererseits belustigt schreibe ich „Kannst dich nicht anders freuen?“

„Nein, geht gerade nicht“

Die Tage ziehen ins Land und ich lasse mich untersuchen.

Arzt: „Schaut gut aus- reden Sie mal“

„Echt- juhu“- die Stimme war voll da aber etwas tiefer.

„Das wird vermutlich so bleiben“

Macht nichts- ab nach Hause.

Mein Holder sitzt vor dem TV, lächelt mich an „Hi, wie geht’s dir- oh sorry, kannst ja nicht reden“

Ich wiege ihm in Sicherheit und schleiche mich nach geraumer Zeit von hinten an und brülle so gut ich kann ins Ohr: „Geht schon wieder“.

Ich schwöre, noch nie habe ich das bei einem Menschen gesehen.

Er war kreidebleich und sämtliche Haare standen kerzengerade in Richtung Himmel.

© Sirius