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Die Kunstblume

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Die Kunstblume | story.one

Es war ein sehr schöner warmer Sommerabend. Damals durfte man noch in Hotelzimmern rauchen. Ich zündete mir eine Zigarette an, obwohl ich wusste, dass er es nicht mochte. Ich wusste aber, dass der kalte Rauch bis abends verschwunden sein würde. Voller Erwartungen, richtete ich mich her, duschte, schminkte mich und steckte mir die Haare zu einer eleganten Hochsteckfrisur hoch. Es war ein besonderer Abend. Ich hatte Sekt dabei, den wir anschließend nachts im Bett trinken wollten. Während ich mich weiter anzog, stellte ich mir schon traumhaft vor, wie ich mich an ihn kuscheln könnte, den Sekt, den wir aus unseren Zahnputzgläsern tranken, hielt ich in meinen Händen und spürte wie ich diese prickelnde Atmosphäre förmlich aufsaugte. Zum Schluss zog ich das festliche Kleid und die hohen Absatzschuhe an, warf mir den langen Schal über die Schultern und ging die langen Flure des Hotels zum verabredeten Treffpunkt. Ich genoss es, wie mich die Menschen ansahen und einige Blicke verfolgten mich. Ich spürte sie noch in meinem Rücken. Ich war aufgeregt und überglücklich ihn endlich wiedersehen zu können. Zwischendurch habe ich meine Schritte verlangsamt, weil ich dieses Erleben vollends genießen wollte. Und als ich an das Ende des langen Flures ankam, sah ich ihn auf dieser endlosen langen Treppe stehen. Ich schaute hinauf und dort stand er mit seinem eleganten Anzug, seiner liebenswürdigen Art und wartete auf mich. Er hatte die Hände vor seinem Körper zusammengefaltet und es sah fast so aus, als würde er beten und hoffen, dass ich auch wirklich kommen würde. Und ich kam. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich in meinem Kleid, meinen Haaren und der festlichen Umgebung wie eine Prinzessin. Ich stieg diese lange Treppe hinauf, hielt mein Kleid, wie es wirkliche Damen taten und ging auf ihn zu. Er begrüßte mich, nahm mich in den Arm, gab mir zurückhaltend, fast schüchtern einen Kuss auf die Wange und bot mir seinen Arm an. Und ich nahm ihn. Ich hatte das Gefühl, dass mich alle Menschen ansahen und für all das Glück, was ich in diesem Moment erlebte, beneideten. Vielleicht war es so, vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet. Ich fühlte mich wie auf der „Sunny side of the street“ und glaubte in diesem Moment genauso durchs Leben zu hüpfen.Wir erlebten einen wundervollen Opernabend während ich in seinen Armen lag. Als die Oper vorbei war, gingen wir gemeinsam den langen Flur zum Hotelzimmer zurück. Verliebt, glücklich und voller Euphorie stahl er eine Kunstblume. Ich tat so, als würde sie fantastisch riechen und steckte sie in meine Haare. Der Sekt rundete den Abend ab und ich genoss das Prickeln auf meiner Zunge, während ich in seinen starken Armen lag, in die Dunkelheit der Sommernacht blickte und die Sterne sah. Nie war ich glücklicher und dankbarer für dieses Erlebnis. Die Blume habe ich noch, sie steckt zwar nicht mehr in meinen Haaren, aber dafür liegt sie auf meinem Bücherregal und versprüht immer noch den Duft der großen Liebe.

© Sofia-Faust 2020-10-17

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