Und warum macht man das?

Er ist Controller, die Frau neben ihm Lehrerin, die andere Versicherungsmaklerin. Daneben ein Investementbanker, ein Anwalt, eine Ärztin. "Und was bist Du?" Es wäre einfach zu lügen. Business Consultant, liegt mir bereits auf der Zunge. Doch das bin ich nicht. Nicht mehr. Ich habe gekündigt. Schon vor über einem Jahr.

"Zur Zeit eigentlich nichts", stammle ich, "also nichts Richtiges."

"Ich reise", füge ich noch hinzu, aber schon hört mich keiner mehr. Das Gespräch dreht sich jetzt um den Immobilienmakler. Warum sage ich nicht einfach, was ich mache? Weil es nicht der Norm, den Erwartungen der anderen entspricht. Ich bin aus meiner Rolle gefallen. Nun braucht es Mut, anders zu sein. Zumindest am Anfang. Später macht es Spaß. Wenn man erst mal das notwendige Selbstvertrauen gefunden und gelernt hat, zu seinen Entscheidungen zu stehen. Doch so weit bin ich noch nicht. Das erste Mal seit einem Jahr, bin ich in meine "alte Welt" zurückgekehrt. Es ist kurz vor Weihnachten. Wien glänzt im Lichtermeer. Es fällt mir schwer, mich zurecht zu finden.

Du bist, was du gelernt hast, was du arbeitest. Wir definieren uns über den Beruf. Dabei bin ich doch so viel mehr. Bin Frau, Tochter, Freundin, Reisende, Mensch, bin neugierig, abenteuerlustig, glücklich. Und das vor allem, seit ich die Frage nicht mehr mit Business Consultant beantworten kann.

Ich nehme mir vor, mutiger zu sein. Schon am nächsten Tag, bei der nächsten Weihnachtsfeier, habe ich Gelegenheit dazu. Die Gastgeberin stellt mich als Special Guest vor. "Und was machst Du?" Diesmal habe ich die ganze Aufmerksamkeit.

"Vor einem Jahr habe ich gekündigt und mir zwei Pferde gekauft. Jetzt reite ich von der mexikanischen Grenze nach Alaska. 10.000 km."

Schweigen. Dann endlich, die erste Reaktion: "Und warum bitte macht man das?"

Damit habe ich nicht gerechnet. Wieder habe ich keine Antwort. Wieder stammle ich nur sinnloses Zeug. Bisher habe ich alles in meinem Leben aus einem bestimmten Grund gemacht. Alles hatte einen Zweck. Ich habe BWL studiert, um Karriere zu machen, habe als Consultant gearbeitet, um viel Geld zu verdienen, um mir all die Dinge kaufen zu können, die mich glücklich machen würden, und um möglichst früh, vielleicht schon mit 45, in Pension gehen zu können.

Für alles gab es immer ein "um zu...". Warum reite ich jetzt durch Nordamerika?

Die Antwort wird mir einige Wochen später bewusst. Ich sitze im Sattel und reite durch die Rocky Mountains. Es gibt überhaupt kein "um zu...". Diese Reise hat keinen Zweck. Kein Sponsor soll befriedigt, kein Rekord aufgestellt werden. Und trotzdem macht mich dieses Tun so glücklich, so zufrieden. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb? Zum ersten Mal in meinem Leben mache ich etwas, weil ich es wirklich will. Diese Reise ist zwecklos, aber sinnvoll, genauso wie unser Hund, der fröhlich und völlig zwecklos nebenherspringt. Auch heute noch, 10 Jahre später. Ich bin aus der Rolle gefallen, doch gelandet bin ich mitten auf meinem Weg.

© Sonja Endlweber