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#liebe#erotik#katze

Aus dem Leben einer Federboa

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Aus dem Leben einer Federboa | story.one

Hier liege ich nun. Achtlos zur Seite geschafft, abgelegt wie ein unwichtiges Ding, meiner Würde beraubt.

Vor einigen Stunden noch war ich Mittelpunkt, durfte über nackte Haut streichen, eine wunderschöne Frau zum Zittern und Seufzen bringen, mich an nackte Brüste schmiegen und zwischen heiße Schenkel gleiten.

Ohne mich wäre die vergangene Nacht für die beiden Liebenden ohne große Aufregung verlaufen. Ihr Spiel wäre auf das Banale, den menschlichen Trieb, auf das Animalische reduziert geblieben. Ich aber habe Eleganz, Stil und wahre Sinnlichkeit in ihre Begegnung gebracht. Durch mich erst wurde die Nacht der Liebenden zu etwas Unvergleichlichem, zu etwas Unvergessenem.

Als sie nach einem romantischen Abendessen nach Hause kamen, hat er ihr die Augen verbunden, sie nach und nach ausgezogen und dann vorsichtig zum Bett geführt. Er wartete ab, bis sie vor ihm lag. Nackt und erwartungsvoll. Danach hat er mich ganz langsam ausgewickelt aus hauchdünnem, raschelndem Seidenpaper. Augenblicklich war ihre Aufmerksamkeit bei mir. Was für ein Augenblick!

Danach durfte ich über Stunden mein Können zeigen, durfte Haut berühren, durfte verführen, all ihre Sinne öffnen und bei ihr sein als Wonneschauer sie durchliefen wie kleine Erdbeben. Ich war ganz nah an ihrem Hals, umschmiegte ihren Nacken und war direkt an ihrem Herzen, als sie sich irgendwann auflöste in Seufzen und einem langen tiefen Stöhnen. Und auch als er ihr danach die Augenbinde abstreifte, sie zärtlich in seine Arme nahm und sie leise zu weinen begann vor Glück, war ich bei ihr.

Und wofür das alles? Wofür mein Einsatz, meine Konzentration, meine Hingabe? Für diese unfassbare Missachtung jetzt? Abgelegt auf einem Nachtkästchen, weggeschafft, einem gelangweilten grau getigertem Kater ausgeliefert. Was für eine Schmach!

Viele Stunden Arbeit hat es gekostet mich zu erschaffen, aus hunderten feinsten bunten Federn bestehe ich, gedacht als Schmuckstück und als Mittelpunkt für das sinnliche Spiel. Doch jetzt liege ich hier, wage kaum meine feinen bunten Federn zu bewegen, halte still, stelle mich tot. Wehe der Kater erkennt meine Zartheit, meine Biegsamkeit, meine Leichtigkeit, meine Verletzlichkeit. Er würde mich zum Spielzeug erklären, mich zerzausen, rupfen, mir meine Seele rauben, in Einzelteile zerlegen.

Aber eines wird er mir trotzdem nie nehmen können: Meine Erinnerung an letzte Nacht.

© Sonja Schiff 2020-10-31

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