Lotte Braun entdeckt Fast Food

Mein Mann Josef war unsere ganze Ehe hindurch kein guter Esser. Mahlzeiten erfüllten für ihn einfach den Zweck der Nahrungsaufnahme. Er sagte „Guten Appetit", schaufelte seinen Teller leer und das wars. Nachschlag wollte er nie. Hätte ich je einen Speiseplan festlegt und diesen jede Woche wiederholt, Josef hätte es gar nicht bemerkt. Mehr noch, er hätte das vielleicht sogar als sinnvoll erachtet. Jetzt wo ich das schreibe, wundere ich mich, dass er mir das als Kaufmann nie vorgeschlagen hat.

Ja, und weil das Essen in unserem Leben nie eine große Rolle spielte, wundert es mich, dass mir als Witwe nun eine Sache richtig schwerfällt: Für mich alleine zu kochen und danach alleine zu essen.

Ich schaffe es mit Müh und Not mir ab und zu eine Suppe oder eine Eierspeise zu machen. Das löffle ich dann aber immer stehend in der Küche und oft direkt aus dem Kochtopf. Dafür schäme ich mich manchmal vor mir selbst. Aber mich alleine an den Tisch zu setzen, macht mir Angst.

Deshalb dachte ich kürzlich, ich esse mal auswärts und probiere dieses Fastfood. Sie wissen schon, in der Getreidegasse gibt es doch so ein amerikanisches Schnellrestaurant. Da war ich. Weil ich doch jetzt Dinge anders machen möchte als bisher.

Samstag bin ich da hin. Mittags um 12 Uhr. Zuerst saß ich ewig an einem Tisch, aber keiner kam. Kurz bevor ich ärgerlich den Laden verlassen wollte, verstand ich: Selbstbedienung! Eh klar, Mensch Lotte! Thats Amerika!

An der Theke ratterte die Verkäuferin, nachdem ich höflich gefragt hatte, was es heute gibt, in Höchstgeschwindigkeit tausend Sachen runter. Ich verstand nur Börger und Nagets. Also nahm ich das dann auch. Und eine Cola. Weil amerikanisches Essen ohne Cola, ist kein amerikanisches Essen.

So saß ich in diesem Ami-Laden, umgeben von Teenagern und Touristen, und stellte zuerst fest, ich muss, aufgrund fehlenden Besteckes, mit den Fingern essen. Diese Nagets erwiesen sich als sechs sehr kleine Hühnerschnitzerl, die man in eine Currysauce tunken muss und dieser Börger als eine Art wabbeliges Semmerl mit Salat, Käse, Ketchup und einem sehr, sehr dünnen Fleischleibchen. Warum sie darum so ein Tamtam machen, kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Teuer war das Essen auch noch. Aber hey, ich war nicht alleine! Rund um mich war so viel Lachen, so viel Fröhlichkeit, so viel Geschnatter. Das war einfach wunderbar. Einmal haben sich sogar zwei Mädchen zu mir an den Tisch gesetzt. Einfach so, ohne zu fragen. Ganz schön keck diese Jugend. Aber so soll es sein. Ich mag Mädchen, die nicht so brav sind, wie ich es in meiner Jugend war.

Eine Stunde lang saß ich in diesem Schnellrestaurant und genoss das Leben um mich. Kurz dachte ich an Josef. Er hätte sicher den Kopf geschüttelt, mich eine Närrin genannt. Also habe ich ihn gleich wieder verscheucht. Unsere Zeit war unsere Zeit. Aber das jetzt ist einfach meine Zeit.

Als nächstes gehe ich übrigens mittags mal zum Chinesen. Dort soll es günstig sein und die Menschen freundlich.

© Lotte Braun