Lotte Braun sagt Muttertag ab

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Lotte Braun sagt Muttertag ab | story.one

Morgen ist Muttertag. Wie alle Jahre davor hätten mich die entfernt lebenden Kinder wohl angerufen - Monika aus Kanada, Joachim aus Schweden - und mir gratuliert, im Hintergrund die Stimmen der mir unbekannten Enkelkinder. Die kinderlose Veronika, sie lebt in Wien, hätte mich wie immer pflichtbewusst und stellvertretend für alle besucht, obwohl sie kaum Zeit für sich selbst hat als Managerin in einem internationalen Unternehmen. Wir wären uns erneut sprachlos gegenübergesessen, weil wir uns längst fremd geworden sind, und hätten uns dann bei Schokokuchen und Kaffee in oberflächlichen Small Talk geflüchtet. Alleine die Vorstellung! Brrrrr!

Das mit der Mutterschaft ist schon eine seltsame Sache. Da wachsen sie in dir heran, schlüpfen unter unsagbaren Schmerzen raus, du begleitest sie über Jahre nach bestem Wissen und Gewissen ins Erwachsenenalter, begrenzt vom eigenen Vermögen und Unvermögen und umrahmt von unsagbarer Freude, aber auch manchmal von Überforderung. Obwohl du dir immer wieder mal denkst „Wann sind sie endlich groß“, ziehen sie dann doch viel zu früh aus, vom Kinderzimmer hinaus in die Welt, in meinem Fall sogar in die weite Welt und irgendwann sitzt du ihnen dann gegenüber und denkst dir: "Kenne ich dich eigentlich?"

Manche Mütter sind ja davon überzeugt eine gute Mutter gewesen zu sein. Das kann ich von mir nicht behaupten. Ich war wohl eher eine mittelmäßige Mutter, manchmal sogar eine schlechte. Weder fühlte ich nach der Geburt diese oft beschriebene unfassbare Liebe zu den Babys, noch war ich fähig meine Kinder viel zu umarmen oder zu knuddeln. Für Nähe und Zärtlichkeit war Josef zuständig, der konnte das und ich habe ihn oft darum beneidet. Ich weiß, es klingt nach fauler Ausrede, aber ich habe meine schwere Kindheit nie verwunden. Ich war ein zu harter Arbeit genötigtes Pflegekind, habe viel Gewalt erlebt und Liebe habe ich nicht kennengelernt. Liebe ist mir deshalb auch bis heute suspekt. Zu viel Nähe macht mir Angst. Umarmungen wehre ich rasch ab, zu groß die Gefahr, dass sich in mir alle Schleusen öffnen, mein Lebensschmerz aus mir raus schwappt und ich die Kontrolle über mich selbst verliere.

Wie hätte so jemand wie ich eine gute Mutter sein können?

Muttertag also. Auf dem Weg aus meinem beigen Leben in ein buntes Leben, wird es auch Zeit ehrlich zu werden, habe ich entschieden. Ehrlich mit mir und mit den anderen. Ich habe daher dieses Jahr Muttertag abgesagt. Keine inhaltslosen Rituale mehr, keine Verpflichtungen mehr, weder für mich, noch für die Kinder. Ich habe allen Kindern heute eine Mail geschrieben und ihnen gesagt, dass ich Muttertag absage und mich zurückziehe. In ein Wellnesshotel. Das erste Mal in meinem Leben fahre ich alleine an einen unbekannten Ort.

Und ich habe mich bei den Kindern angekündigt. Ich möchte sie bis zum nächsten Muttertag alle der Reihe nach besuchen, um ihr Leben kennenlernen. In Wien. In Schweden. In Kanada. Das erste Mal in deren und meinem Leben.

© Lotte Braun 11.05.2019