Lotte Braun träumt von James Dean

10.01.2019

Jetzt lässt mich doch tatsächlich dieser übermütige Gedanke, in mein langweilig beiges Leben ein wenig Buntheit zu bringen, nicht mehr los. Dabei hatte ich am Neujahrstag doch nur einen kurzen Anfall von Wagemut, weil auch mich ab und zu die Sehnsucht nach einem anderen Leben erfasst. Nach ein wenig Farbe, nach Glitzer und Aufregung. Aber wer hat bitteschön solche Gedanken nicht? Wer wünscht sich nicht ab und zu mehr Paradiesvogel zu sein, mehr Diva oder Abenteurerin? Trotzdem bleiben wir letztlich alle wieder im eigenen kleinen Leben. Außerdem, meinen Mann Josef, Gott hab ihn selig, hätte der Schlag getroffen, wäre ich jemals aus der Rolle gefallen.

Im Gasteinertal, wo ich herkomme, war es wichtig, nicht aufzufallen. Der Satz meiner Kindheit und Jugend lautete „Was sollen die anderen Leute denken“. So eine Botschaft brennt sich tief in die Seele ein. Nur nicht auffallen! Nur nichts tun, was sich nicht gehört!

Als ich mir Ende der 50er Jahre, bei meiner ersten Fahrt nach Salzburg, ein ärmelloses Sommerkleid kaufte und damit am Sonntag darauf stolz auf ein Eis ging, zischte mir beim Nachhausekommen die alte Nachbarin zu „Du Hure" und danach tratschte das Dorf wochenlang über mich. Auffallen war im Gasteinertal gefährlich.

Deshalb habe ich mir auch einen braven und farblosen Mann gesucht. James Dean, der kam damals oft im Kino, war zwar mein heimlicher Schwarm, aber im Gasteinertal hätten sie mich mit einem James Dean davongejagt. Also nahm ich Josef Braun. Der stammte, wie ich, aus einer Bergbauernfamilie, hatte aber Kaufmann gelernt und bediente in seiner Arbeit im Kaufhaus sogar Kurgäste. Deshalb konnte er auch immer viel erzählen und wir schüttelten lachend unsere Köpfe über Frauen auf hochhackigen Schuhen und Männer in Bluejeans.

Wer bei uns meinte, anders sein zu müssen als die anderen, dem wurden rasch die Flügel gestutzt. Manche haben sich, oft aufgestachelt von Kurgästen, schon dagegen aufgelehnt. Meiner Kollegin Maria erklärte mal eine Dame, dass sie viel hübscher wäre, würde sie sich schminken und schenkte ihr dann sogar Wimperntusche und Lippenstift. Was wurde am nächsten Tag über dieses Zimmermädchen gelästert, das plötzlich mit knallroten Lippen die Betten machte. Mit Zornestränen in den verschmierten Augen warf Maria am Abend das Schminkzeug wieder in den Mülleimer.

Apropos Lippenstift. Ich habe mein ganzes Leben keinen Lippenstift getragen. „Eine ordentliche Frau schminkt sich nie auffällig." erklärte die Chefin uns Zimmermädchen einen Tag nach Marias kleiner Eskapade. Daran hielt ich mich. Ein wenig Creme, einen Hauch Makeup, ab und zu mal Wimperntusche. Das wars. Kein Lippenstift. Niemals. Dabei mag ich Lippenstift. Ich finde Frauen mit roten Lippen haben etwas Verwegenes, sind immer ein wenig Diva.

Könnte das vielleicht mein erster Schritt sein? Ein roter Lippenstift. Lotte Braun mit knallroten Lippen auf dem Weg in ein bunteres Leben? Mein Josef dreht sich grad im Grab um.

© Lotte Braun