Lotte Braun - Valentinstag als Witwe

Heute ist Valentinstag und ich habe mir selbst Blumen geschenkt. Nein, nicht weil mein Mann letztes Jahr gestorben ist und ich jetzt niemanden mehr habe, der mir Blumen schenken könnte. Josef war sowieso immer viel zu geizig für Blumen an Valentinstag, wobei sein Geiz nicht mir galt, sondern den Floristen. Als Kaufmann gönnte er den Blumenhändlern einfach nicht diese hohen Umsätze. Ich habe heute noch seine jährlich wiederkehrenden Neidtiraden im Ohr: „Valentinstag, das ist doch nur ein amerikanischer Werbegag zur Umsatzsteigerung erfolgloser Floristen! Da mache ich sicher nicht mit!“ Also bekam Lotte Braun, die ach so geliebte Ehefrau, auch nie Blumen an diesem Tag. Aber auch an keinem anderen.

Um ganz ehrlich zu sein, ich habe Blumen an Valentinstag auch nie vermisst. Mein Mann war halt nicht so der romantische Typ, sondern eher nüchtern. Wir haben als Kinder einfach nicht wirklich Liebe erfahren, wurden nie geherzt, nie gedrückt, nie gehalten. Da tut man sich dann als Erwachsener eben auch schwer damit, seine Gefühle auszudrücken. Arm in Arm rumzulaufen oder gar Küsse in der Öffentlichkeit, das wäre uns nie im Leben eingefallen. Zwischen uns gab es nur kleine Gesten. Ab und zu streichelte Josef meine Wange oder tätschelte meinen Unterarm. Das wars. Und nachts, also Sie wissen schon, naja, ab und zu lagen wir schon noch aufeinander, aber nur noch kurz und eher aus Gewohnheit. Ein Mann braucht halt, was ein Mann braucht. Auch noch mit über 80. Aber Liebe? Meine Güte was für ein großes Wort.

Auf alle Fälle gab es an Valentinstag nie Blumen. Aus Prinzip. Und obwohl ich sie all die Jahre nie vermisst habe, hatte ich heute plötzlich unbändige Lust auf einen großen Blumenstrauß. Lotte Braun, die sich aufgemacht hat in ein bunteres Leben, muss kleingeistige Prinzipien nun mal über Bord werfen. Außerdem, es waren ja Josefs Prinzipien, nicht meine.

Heute Früh bin ich, wie jeden Donnerstag, zum Friedhof gefahren, um Josefs Grab zu besuchen. Das gehört sich einfach für eine gute Witwe. Als ich beim Blumenladen vorbeikam, er liegt direkt an der Bushaltestelle, sah ich das herzförmige Schild. „Valentinstag“ stand da und ich wusste sofort, wenn ich vom Grab zurückkomme, kaufe ich mir den größten Blumenstrauß meines Lebens. Meinen ersten Valentinstagsblumenstrauß.

Eine Stunde später saß ich dann wirklich im Bus, einen riesigen, wunderbar duftenden Frühlingsstrauß am Schoss und wohl auch ein seliges Lächeln auf meinen sorgfältig rot geschminkten Lippen. Denn ein älterer Herr mit warmen Augen nahm mir gegenüber Platz, lehnte sich nach einiger Zeit nach vorne und meinte zu meiner Überraschung: „Der Mann, der Ihnen diesen Strauß geschenkt hat, darf sich glücklich schätzen.“ Vor lauter Schreck bin ich rot geworden wie ein Teenager und mit klopfendem Herzen habe ich doch glatt meinen Blick gesenkt.

Mensch Lotte!

© Lotte Braun