Lotte Brauns erstes Weihnachtsfest alleine

24. Dezember 2018. Heute feiere ich mein erstes Weihnachtsfest alleine. All die 81 Jahre davor war ich Weihnachten entweder mit meinen Eltern zusammen oder ich mit meinem Mann Josef, später dann auch mit Mann und Kindern. Aber heute, und wohl auch den Rest meines Lebens, feiere ich Weihnachten alleine.

Mein Mann Josef ist vor sieben Monaten gestorben. Das kam eher überraschend. Ich hatte mich eigentlich schon darauf eingerichtet, ihn einige Jahre pflegen zu müssen, wie das viele alte Frauen heutzutage tun. Aber noch war es zum Glück bei uns nicht so weit. Josef und ich waren fit, wir gingen täglich spazieren und am Wochenende machten wir sogar noch kleine Bergwanderungen. Doch dann war er plötzlich tot. Eines Morgens lag er steif und kalt in unserem Bett. Herzinfarkt, sagten die Ärzte. Einfach so, mitten im Schlaf. Neben mir.

Dass ich sein Sterben nicht bemerkt habe, beschäftigt mich noch heute. Ob er nach mir rief und ich es nicht gehört habe? Oder hat er sich tatsächlich nach all den Jahren grußlos aus dem Staub gemacht.? Ich kann mich noch gut an den Traum dieser Nacht erinnern. Genaugenommen waren es zwei Träume. Zuerst träumte mir ich würde fliegen. Über die Stadt, den Dom, hin zu den Bergen. Das war wunderbar. Ein Flugtraum, wie ich ihn zuletzt in meiner Kindheit hatte. Und dann träumte ich davon, Marmelade einzukochen, Erdbeermarmelade mit Minze. Die mochte Josef nicht. Deshalb gab es sie bei uns auch nie. Aber in jener Nacht kochte ich hunderte Gläser davon ein, es war ein wirklich schweißtreibender Traum und genau da verabschiedete sich Josef. Still und leise schlich er sich davon, ohne Adieu zu sagen.

Das war im Mai. Dazwischen liegen Monate voller Tränen. Nach einundsechzig Jahren Ehe den Mann verabschieden, das ist hart. Man fühlt sich nur noch halb, wie amputiert. Aber auch irgendwie gestört. Chaos herrscht, die ganze Gemächlichkeit des Lebens ist dahin, alles kommt durcheinander. Und man selbst ja auch.

Die Kinder wollten, dass ich Weihnachten bei einem von ihnen verbringe, in Kanada, Schweden oder Wien. „Mama, du sollst Weihnachten nicht alleine feiern“, meinten sie unisono. Aber ich wollte das nicht. Nur keine Last sein. Außerdem wollte ich bei Josef bleiben, der liegt doch jetzt am Friedhof und ich muss ihn besuchen. Weihnachten gehört sich das einfach.

Vor zwei Monaten haben mir die Kinder dann so ein Tablet geschenkt. Damit ich mit Ihnen skypen kann und Emails schreiben. Jetzt reden wir halt einmal die Woche auf die Ferne miteinander, winken uns gegenseitig zu. Ich mach das, damit sie alle auch schön beruhigt sind.

So kam es also, dass ich heute meine ersten Weihnachten alleine feiere. Ein klein wenig mulmig ist mir schon. Aber was solls, wird schon gut gehen. Ich mach mich jetzt dann mal dran meinen kleinen Baum zu schmücken. Das muss einfach sein, ohne Baum bekomme ich am Ende Depressionen. Also, Rücken gerade Lotte Braun, Du schaffst das schon.

Euch allen ein schönes Weihnachtsfest.

Eure Lotte

© Lotte Braun