Am mongolischen Totenberg

Nach wochenlanger Fahrt quer durch die mongolische Steppe erreichten wir Ider, einen Fluss, wie man ihn nur noch in der Mongolei finden kann, ungezähmt, mäandernd und wild. Ich beschloss, nachdem wir das Lager aufgeschlagen hatten, die Umgebung zu erkunden, schnappte mir meine Trinkflasche und entschied mich für den grasbewachsenen Berg in der Nähe. Mit etwas Glück könnte ich noch vor der Dämmerung zurück sein.

Also marschierte ich und marschierte, der Berg kam dabei aber kaum näher. Wieder einmal hatte ich die Distanz in diesem weiten Land unterschätzt, irgendwie schaut alles hier immer näher aus als es letztlich ist. Von Weitem sah ich Reiter auf mich zu galoppieren. Sie winkten aufgebracht, gestikulierten, riefen für mich unverständliche Worte. Was war los? Drohte irgendwo Gefahr? Ich konnte keinen Grund für ihre Aufregung erkennen, also weiter in Richtung des Berges. Endlich an seinem Fuß angekommen, nichts wie hinauf und oben dann der überwältigende Blick in die mongolische Weite. Unendliche Weite. Wie klein der Mensch doch ist. Wie unbedeutend.

Auf einem Stein sitzend und vor mich hin sinnierend, beobachtete ich am Horizont zwei Reiter, die sich im Zeitlupentempo annäherten. Es sollte mehr als eine Stunde dauern bis sie sich begegneten, kurz in ihrer Bewegung innehielten, um anschließend wieder ihres Weges zu ziehen. Auch ich beschloss, mich auf den Weg zu machen. Bald würde es dunkel werden. Im Land der Wölfe und Bären war es mehr als ratsam, rechtzeitig zurück im Lager zu sein. Also begann ich mit dem Abstieg, bedacht nur nicht zu stolpern.

Plötzlich lagen Knochen vor meinen Füßen. Keine Seltenheit in der Mongolei, denn verendete Tiere verbleiben in diesem Land an Ort und Stelle, die Natur holt sie sich ohnehin zurück. Neugierig sah ich mich um. Um welches Tier es sich wohl gehandelt hatte? Noch bevor mein Kopf die Situation erfasste, machte mein Herz einen Sprung. Ist das nicht ein menschliches Becken? Und dort drüben, ein Oberschenkelknochen? Und hier, eine menschliche Hand? Zuerst noch fassungslos, realisierte ich langsam. Ich hatte einen Totenberg bestiegen! Die mongolischen Nomaden begraben ihre Verstorbenen nicht, sie legen sie auf Totenbergen aus, davon hatte ich gelesen. Deshalb also die Aufregung der Reiter. Sie hatten Angst um mich. Kein mongolischer Nomade würde je freiwillig diesen Berg betreten.

Aber was sah ich da drüben? Weiß und bleich, zwei menschliche Schädel! Sie lagen nebeneinander, ein Kopf gerade aufgerichtet, der andere zur Seite gefallen. „Ein Liebespaar vielleicht“, ging es mir durch den Kopf und auch die Frage, wie lange die beiden hier wohl schon lagen. Ohne nachzudenken, einfach aus einem Impuls heraus bückte ich mich, wollte den zur Seite gekippten Schädel aufrichten. Doch kaum nahm ich ihn in die Hand, geschah das Unfassbare. Der Schädel zerfiel zu Staub.

© Sonja Schiff