Auge in Auge mit einer Wölfin

Juni 2000. Endlich Frühling in der Mongolei. Wir fuhren mit unserem Jeep quer durch das weite Land. Immer wieder trafen wir dabei auf herumliegende Kadaver. Der Winter war in diesem Land besonders hart gewesen. Viele Tier waren erfroren. Ihre Kadaver werden in dieser unfassbar weiten Landschaft nicht weggeräumt, sondern der Natur überlassen, insbesondere den Geiern, Wölfen und anderen Aasfressern.

Zwölf Stunden waren wir nun schon durch das Gelände geschaukelt. Keine Straßen weit und breit, sondern einfach quer über die Wiesen gefahren. Manchmal waren da Reifenspuren in der Grasnarbe, meistens aber schob sich unser Gefährt über jungfräuliche Grasflächen. Endlich erreichten wir das Ziel unserer heutigen Etappe, eine hügelige Graslandschaft, und schlugen unsere Zelte auf.

Nach einer Stärkung mit Nudelsuppe und Hammelfleisch hatte ich Lust darauf, mir die Beine zu vertreten. Gemächlichen Schrittes bestieg ich den Hügel, an dessen Fuß unsere Zelte stand. Oben angekommen sah ich auf der anderen Seite im Tal ein verlassenes Winterlager der Nomaden. Es war Anfang Juni und die Nomaden waren mit ihren Familien und Herden längst unterwegs, immer auf der Suche nach neuen Weideflächen für ihre Herden.

Vom Winterlager trug der Wind einen heftigen Verwesungsgeruch hoch zu mir auf den Hügel. Da liegen wohl auch einige Kadaver herum, dachte ich und tippte auf Lämmer und junge Ziegen, die zu schwach waren für den harten Winter. Trotz des ekelhaften Geruches stieg ich ab. Die Chance mir einmal ungestört so ein Nomadenlager anzusehen, war einfach zu verlockend. Leichten Fußes und etwas euphorisch ob der Entdeckung, lief ich den Grashügel hinunter. Plötzlich sah ich einen grauen Schatten sich bewegen. Sofort hielt ich inne. Mein Herz raste. Was war das?

Da sah ich sie. Keine fünf Meter von mir entfernt, mit einem Jungen im Maul, stand eine Wölfin. Mitten in der Bewegung erstarrt, ihre Rückenhaare aufgestellt, sah sie mir direkt ins Gesicht. Ihre Augen waren bernsteinfarben und ich werde sie mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Ich war zur Salzsäule erstarrt. Mein Hirn suchte panisch nach einer Lösung. War das mein Ende? Würde sie mich angreifen? Nach einer gefühlten Ewigkeit ging mir durch den Kopf: "Der direkte Blick bedeutet Aggression. Schau weg!" Langsam drehte ich deshalb mein Gesicht zur Seite, behielt die Wölfin aber aus dem Augenwinkel im Blick. Danach machte ich im Zeitlupentempo zwei Schritte zurück.

Und sieh da, es wirkte. So plötzlich, wie sie aufgetaucht war, verschwand die Wölfin auch wieder. Fest das Junge im Maul, lief sie rasch und ohne sich noch einmal umzudrehen über den Hügel davon.

Glück gehabt!

Einige Wochen später meinte der Wolfsbetreuer eines österreichischen Tierparks, dem ich von meiner Begegnung erzählte, dass ich großes Glück gehabt hatte. Hätte die Wölfin nämlich mehr als ein Junges gehabt, hätte sie mich mit hoher Wahrscheinlichkeit angegriffen.

© Sonja Schiff