Kinderlos und trotzdem Muttertag!

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Kinderlos und trotzdem Muttertag! | story.one

Ich bin kinderlos. Lange Jahre hat mir das viel Schmerz bereitet, mich in tiefe Krisen gestürzt, denn Kinder waren fix eingeplant in meinem Leben. Doch irgendwann habe ich es akzeptiert ohne Kinder zu sein. Mehr noch, ich habe gelernt in der Kinderlosigkeit nicht nur den Mangel zu sehen, sondern auch die Chancen, im Leben auf andere Art und Weise zu wirken. So habe ich etwa meinen Schwerpunkt auf meine Arbeit gelegt und mich selbständig gemacht. Seit 18 Jahren begeistere ich Menschen in Seminaren für Altenpflege und die Begegnung mit alten Menschen.

Das Thema Kinderlosigkeit betrachtete ich daher als abgeschlossen. Alle Fragen waren geklärt, aller Schmerz lag längst hinter mir. Zumal mich die Tochter meines Mannes bereits zur doppelten „Stiefoma“ gemacht hatte. Ein ganz wunderbares Erlebnis!

Doch dann trat vor drei Jahren unvermittelt Mohammed in mein Leben, 26 Jahre alt und aus Afghanistan. Wir kannten uns etwa zwei Monate als ich ihn zum Gitarrenunterricht begleitete, um sprachlich Hilfestellung zu geben. Der Gitarrenlehrer fragte mich, in welcher Beziehung wir zueinander stünden und ich meinte lapidar „Ich bin ein bisschen in einer Mutterrolle“. Einen Tag später schrieb mir Mohammed eine Facebooknachricht. Sie begann mit „Hallo Mama.“

Mein Herz machte einen Sprung. Es war eine Mischung zwischen Schmerz und Freude, die mir da in Mark und Bein fuhr. Vor Schreck schrieb ich „Sag bitte weiter Sonja zu mir. Ich bin nicht Deine Mutter, die ist in Afghanistan“. Danach saß ich heulend am PC. Ich schämte mich über das kurze Glücksgefühl, denn es kam mir vor als würde ich gerade einer mir unbekannten Mutter in Afghanistan ihr Kind wegnehmen.

Einige Tage später fragte Mohammed nach einem gemeinsamen Nachmittag erneut und mit unsicherer Stimme, wie er mich nun nennen soll. Auf meinen Hinweis, dass er mich bitte einfach "Sonja" nennen soll, erklärte er mir entrüstet, das wäre nicht respektvoll und würde doch auch unsere Beziehung nicht erklären. Also fragte ich ihn, wie er mich denn nennen möchte. Seine Antwort mit fester Stimme: "Mama! Mama Sonja.“

Ich nahm mir einen Tag Bedenkzeit. Was sollte ich tun? Wieder und wieder ging mir die eine Aussage aus dem Buch "Der Kleine Prinz" durch den Kopf, wo der Fuchs dem kleinen Prinz erklärt: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ Also traf ich am nächsten Tag meine Entscheidung.

Und genau deshalb feiere ich seit drei Jahren als kinderlose Frau Muttertag. Zusammen mit meinem afghanischen Sohn, auf den ich sehr sehr stolz bin.

© Sonja Schiff