Henry, der Heimhund

Henry, ein schwarzer Cockerspaniel, zog bereits im Alter von zwei Jahren ins Seniorenheim. Sein Frauchen, Inge Moll, konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr alleine zu Hause leben. Und weil sie untröstlich gewesen wäre ihren kleinen Henry weggeben zu müssen, beschloss das Seniorenheim, dass auch Henry mit ins Heim durfte.

Im ersten Jahr ging Frau Moll mit ihrem Henry noch mehrmals täglich spazieren. Später drehten die Altenpflegerinnen mit Frau Moll und dem Hund Henry dreimal am Tag eine Runde, damit dieser sein Geschäft erledigen konnte und ein wenig schnüffeln. Als Inge Moll starb, lag Henry bis zum letzten Atemzug bei ihr im Bett und leckte ihr zum Abschied die Hände.

Was aber tun mit einem Hund im Seniorenheim, wenn dessen Frauchen gestorben ist? Diese Frage wurde nach dem Tod von Frau Moll heftig diskutiert und dabei gab es zwei Lager. Die einen meinten, der Hund müsse jetzt ins Tierheim, denn es kann doch nicht sein, dass sich das Pflegepersonal auch noch um einen Hund kümmern muss. Die anderen fanden, der Hund müsse bleiben dürfen, als Belohnung für seine treuen Dienste.

Während die zwei Lager sich noch stritten, hatte sich Henry erfolgreich auf die Suche gemacht nach einem neuen Schmusepartner. Josef Stolz, gerade eben neu eingezogen ins Seniorenheim, musste gar nicht lange von Henry umwedelt werden, ein freudiges „Wau“, ein kurzes Ablegen des Köpfchens auf dem Knie, gepaart mit einem umwerfenden Augenaufschlag, begleitet von einem tiefen Seufzen, schon war es um Herrn Stolz geschehen.

Im ersten Jahr ging Herr Stolz mit seinem Henry noch mehrmals täglich spazieren. Später drehten die Altenpflegerinnen mit Herrn Stolz und mit dem Hund Henry dreimal am Tag eine Runde, damit dieser sein Geschäft erledigen konnte und ein wenig schnüffeln. Als Josef Stolz starb, lag Henry bis zum letzten Atemzug bei ihm im Bett und leckte ihm zum Abschied die Hände.

Als ich Henry, den Heimhund, kennenlernte, war dieser schon ein alter Herr mit grauer Schnauze. 14 Jahre lang hatte er da schon alten Menschen im Seniorenheim das Leben mit Kuscheln versüßt und bis zum letzten Atemzug begleitet. Jedes Mal, wenn ein Herrchen oder Frauchen starb, suchte sich Henry von sich aus Ersatz und fand ihn bei jemanden, der gerade neu eingezogen war ins Heim.

Seit kurzem hat Henry aber sein Körbchen unterm Schreibtisch von Schwester Sabine, der neuen Pflegeleitung. Sie meinte, Henry hätte jetzt genug gearbeitet. Daher muss er nun nicht mehr so viel darauf achten, dass Bewohner und Personal auch wirklich genug Bewegung an der frischen Luft haben. Nun darf er einfach faulenzen, schlafen und fressen. Den ganzen langen Tag. Und abends, wenn Schwester Sabine mit der Arbeit fertig ist, darf Henry, der pensionierte Heimhund, mit ihr nach Hause gehen.

Das tut er, trotz Alter und Gelenksschmerzen, mit hoch erhobener Rute.

© Sonja Schiff