Jetzt bin ich für niemanden mehr Kind

Es ist mehr als zwei Jahrzehnte her. Ich war gerade 30 Jahre alt und befand mich, in der hintersten Reihe stehend, auf einem Begräbnis. Die Mutter meines Chefs war verstorben, an gebrochenem Herzen, wie man so schön sagt. Sie war nach nur einem halben Jahr dem geliebten Mann nachgefolgt und ich hatte sie als Hauskrankenschwester bis zu ihrem Tod gepflegt.

Mein Chef stand ganz vorne. Alleine. Einzelkind eben. Der ohnehin körperlich nicht gerade große Mann wirkte noch kleiner als sonst. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, beschützt, gehalten, getröstet. Aber er war nun mal der Chef. Und Chefs müssen da alleine durch.

Nachdem er Erde auf Erde geworfen und von mindestens hundert Menschen Beileidsbekundungen entgegen genommen hatte, stand ich als letzte vor ihm, reichte ihm meine Hand mit dem Ziel, schnellstmöglich das Weite zu suchen. Ich hasse nämlich Begräbnisse. Gräber und Friedhöfe besuche ich am liebsten für mich alleine.

Doch als ich so vor ihm stand, hörte ich plötzlich meinen Chef flüstern: “Jetzt bin ich für niemandem mehr Kind.“ Als ich in sein Gesicht blickte, sah ich Tränen über seine Wangen laufen. Vor mir stand, in der Hülle eines erwachsenen Mannes, ein kleiner Bub und betrauerte das Ende seiner Kindheit.

Ich wusste gar nicht wie mir geschah, einerseits war ich betroffen, andererseits erschien mir dieser Satz skurril. „Jetzt bin ich für niemanden mehr Kind.“ Was für eine seltsame Aussage von einem Mann jenseits der 50. So mein Gedanke damals.

Zeitsprung ins Jahr 2019. Vor ein paar Tagen habe ich ein tolles berufliches Angebot erhalten und teilte meine große Freude via Facebook mit meinen Freunden, erzählte euphorisch von meiner neuen Herausforderung. Für meinen Eintrag erntete ich viele Likes, Jubelzurufe, Glückwünsche und lustige Smileys. Nur ganz unten stand noch eine andere Nachricht: „Wir freuen uns mit Dir liebe Tochter. Aber bitte schau auch auf deine Gesundheit. Mach ausreichend Bewegung und iss bitte viel Gemüse“.

Zuerst wollte ich reagieren, wie ich immer reagiere, seit ich mich erwachsen fühle und meine Eltern meinen pädagogisch wertvoll sein zu müssen. Ich wollte ihnen erbost zurufen, dass ich mittlerweile 54 Jahre alt wäre, also längst erwachsen und sie sich Anmerkungen dieser Art langsam wirklich sparen könnten.

Doch dann hielt meine innere Stimme mich zurück. Seit einiger Zeit sehe ich nämlich, wie im Gesicht meiner Eltern die Falten tiefer und tiefer werden und die Augen trüber. Sie sind alt geworden meine Eltern. Und ja, ich bin für sie immer noch Kind. Ist das nicht eigentlich wundervoll?

© Sonja Schiff