Keine Palmen in Freilassing

Geboren in den frühen 60ern habe ich eine Kindheit erlebt zwischen Armut und Aufschwung. Mein Vater, Kind von Kriegsflüchtlingen, wollte unbedingt seine ärmliche Vergangenheit überwinden und die kleine Familie in eine bessere Zukunft führen. Neben seinem Beruf als Bäcker machte er via Fernschule die Matura, studierte danach Jus und wurde Beamter. Meine Mutter, ebenfalls ausgestattet mit einer Kindheit in Armut, hielt ihm den Rücken frei und sorgte dafür, dass wir Kinder den ständig lernenden Vater nicht störten. „Kinder psst, der Papa muss lernen“ ist der am häufigsten gehörte Satz meiner Kindheit.

Während meine Eltern sich eine bessere Zukunft ersehnten, träumte ich von den ganz großen Reisen. Der Film „Die Meuterei auf der Bounty“ hatte mir eine ferne Welt eröffnet und nun wollte auch ich unbedingt ins Ausland, wollte auch ich das Meer sehen, Palmen, Sand und Strand erleben. Doch das wirkliche Leben sah die Erfüllung dieser Sehnsucht nicht vor. Stattdessen Strandbad am Attersee und Plantschen im Bach vor der Haustür, ab und zu auch im Freibad. Palmen, Sand und Strand blieben unerreichbar.

Irgendwann übersiedelten wir von Oberösterreich nach Hallein. Mein Vater hatte eine besser bezahlte Arbeit gefunden. Jetzt hatte ich nicht einmal mehr die weite Wasserfläche des Attersees in Reichweite. Stattdessen Berge, für die ich keine Leidenschaft entwickeln konnte, die stinkende Zellulosefabrik und einen Fluss, der sich grau und schmutzig durch die Stadt zog. Das Leben war wirklich trübe und grau.

Dann, eines Tages, ich war etwa 9 oder 10 Jahre alt, eröffnete mir mein Vater feierlich, dass wir einen Ausflug machen würden. Es sollte ins Ausland gehen. Nach Freilassing. Ich war aus dem Häuschen! Endlich durfte ich eine Reise machen! Endlich würde auch ich ins Ausland reisen und etwas von der Welt sehen. Wie aufregend!

Meine Eltern packten das Auto und meine jüngeren Geschwister, während ich um den alten Opel herumtanzte wie ein kleiner Derwisch. Während der Fahrt, die mir stundenlang erschien, kniete ich auf der Rückbank des Autos und hielt neugierig Ausschau nach dem Ausland. Wie würde es dort wohl aussehen?

An der Grenze Salzburg- Freilassing standen wir mit vielen anderen Reisenden Schlange. Wir arbeiteten uns Auto für Auto nach vorne und irgendwann stand er vor uns, der ernst dreinblickende Zöllner, dem wir unsere nigelnagelneuen Pässe, das erste Mal in unser aller Leben, vorzeigen mussten. Geschafft!

Der Schlagbaum öffnete sich und mein Vater fuhr feierlich nach Deutschland ein. Ich presste aufgeregt mein Gesicht an die Autoscheiben und erwartete den Moment der Momente. Gleich würde ich Palmen sehen! Gleich!

Bis zum heutigen Tag, denke ich bei jeder Fahrt hinüber nach Freilassing an die Tränen und die Enttäuschung meines kleinen Ichs von damals. Was es wohl sagen würde, könnte ich ihm erzählen, dass ich mittlerweile tatsächlich Palmen gesehen habe, und auch noch so manch andere Dinge dieser Welt?

© Sonja Schiff