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Leanders Liebe auf Parship 1.0

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Leanders Liebe auf Parship 1.0 | story.one

Es war in den Anfängen des Internets, Alles war irgendwie wahnsinnig aufregend, die ganze Welt plötzlich verbunden durch Emails und Websites, dazu die Möglichkeiten intimer Kommunikation in Chatrooms und Singleportalen, Anker und Hoffnung für einsame Seelen.

Eine dieser einsamen Seelen, ausgestattet mit einem klangvollen Phantasienamen, war ich. Jung, beruflich aufstrebend, Führungsfunktion, viel zu viel arbeitend und daher schon längere Zeit Single. Abends, nach Büro und Stress, noch in ein Lokal gehen und etwas unternehmen? Fehlanzeige! Der vermeintlich anstehende Karrieresprung forderte Disziplin. Also besser mit flauschigen Hausschuhen an den Füßen und XXXL T-Shirt am Leib die Fenster ins world wide web öffnen.

Er nannte sich Leander, wie eine Figur aus dem „Sommernachtstraum“, und ich war bereits nach einer Stunde bis über beide Ohren verliebt. Nein, wir unterhielten uns nicht über das Wetter, solcherlei Firlefanz überwanden wir im 56k-Modem-Tempo und landeten direkt bei unseren erotischen Phantasien. Wir schrieben uns die Finger fiebrig, während mit jedem Satz eine Etage tiefer der Sturm an Fahrt aufnahm.

Leander beschrieb sich als beweglich, innen wie außen, als tiefsinnig, kreativ, sensibel, er konnte, obwohl Mann, auch weinen (Hachz!), war Single, erfolgreich und am besten Weg die Welt zu erobern. Was ich in meiner Selbstbeschreibung über mich erzählte, weiß ich nicht mehr, aber ich werde mich sicher auch ausgiebig schöngeredet haben. Leander jedenfalls war hellauf begeistert, verbrachte mit mir viele, viele Abende und entließ mich meistens spät nachts ermattet in fiebrige Träume.

Eines Tages begann er unvermutet auf ein reales Kennenlernen zu drängen. Mir entfuhr im Geiste ein unwilliges „Naaaaa gehhhhh, muss das sein?“, dem folgte sofort das Gefühl kalter Füße. Also machte ich einen kleinen Umkehrschwung in der Selbstdarstellung und begann Leander, den Sensiblen, langsam darauf vorzubereiten, dass an mir vielleicht doch nicht alles ganz so perfekt war. Ich tat meine vermeintlichen Mängel, vor allem körperlicher Art (ja, es ist schrecklich wie streng wir Frauen mit uns sind!) mit zittrigen Fingern kund und hoffte, dass er ebenso da oder dort bereits eine Delle trug oder wenigstens einen kleinen Lackschaden.

Plötzlich Stille am anderen Ende. Leander, der Bewegliche war erstarrt. Ich vermutete Schlimmstes. Ich gefiel ihm wohl nicht mehr! Ehhh klar, typisch Mann, von wegen tiefsinnig. Oberflächlicher A………!

Da erschienen wieder Buchstaben am Bildschirm.

SONJA???????

Mein Herz raste mit Tempo 200 gegen meine Eingeweide. Ich hielt die Luft an.

HIER IST KURT, DEIN CHEF…….

Und solltet Ihr jetzt irgendwelche romantischen Gedanken in Eurem Kopf haben oder gar den Satz "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann....". Vergesst es!! Am nächsten Tag im Büro kam es zur peinlichsten Begegnung meines Lebens. Zum Glück war Leander, der Verheiratete, verschwiegen.

© Sonja Schiff 27.06.2020

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