Der Liebhaber aus der Vergangenheit

Zwei Dinge sind am Älterwerden irgendwie seltsam. Erstens: Die Zeit vergeht mit jedem Jahr schneller und schneller. Da ist es gefühlt erst ein paar Monate alt, ZACK, steht schon wieder ein Jahreswechsel vor der Türe und damit ein Ring mehr in der persönlichen Baumscheibe. Zweitens: Alt werden auf rätselartige Weise immer nur die anderen, man selbst eindeutig nicht. Also, solange man sich selbst nicht auf Fotos sieht oder……

An einem wunderbaren Sommertag schlenderte ich durch Salzburgs berühmteste Gasse, die Getreidegasse. Ein dünnes Sommerkleid am Leib, das Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit in der Seele, so war ich nun schon eine Stunde lang durch die Altstadt getrödelt. Wie immer gingen mir als Einheimische die Massen an Touristen schrecklich auf die Nerven, aber geschickt und mit einem Hauch von Arroganz wich ich ihnen aus. Ich traf allerlei Bekannte, es folgte ein „Hallo, lange nicht mehr gesehen“ hier und ein Begrüßungsbussi mit anschließendem „Wir müssen uns bald mal länger treffen“ dort. Ich liebe es auf diese Weise durch Salzburg zu flanieren. Hier bin ich zu Hause, ich kenne jeden Stein in dieser Stadt, ihre Sonnenseite, wie auch ihren Schatten. Und auch mit den Menschen hier bin ich tief verwurzelt, nicht umsonst pflege ich gerne zu sagen, Salzburg ist im Grunde ein Dorf. Ich treffe immer jemanden, bin hier nie lange alleine.

Also flanierte ich auch an diesem Sommertag durch die Getreidegasse. Gerade hatte ich mir ein Eis gekauft. Es war selbstverständlich das beste Eis der Stadt, dafür hatte ich auch richtig lange in der Schlange gestanden. Aber hey, ich hatte Zeit und sehr gute Laune.

Da sah ich ihn. Auch er schlenderte sommerlich gekleidet durch die Gasse. Mein Herz reagierte schneller als mein Gehirn, machte einen heftigen Galoppsprung und fing dann an zu rasen. Ich glaub es nicht! Meine Güte, war dieser Mann alt geworden! Vor lauter Schreck fiel mir zuerst das köstliche Schokoeis auf die hellblauen Sommerschuhe und gleich danach sprang ich, wie von einer Tarantel gestochen, in den nächsten Gassendurchgang und versteckte mich.

Der Rudi von vor 30 Jahren! Mein heißer Liebhaber aus vergangener Zeit. Jetzt mitten in der Getreidegasse und gealtert um gefühlte hundert Jahre. Hatte er mich gesehen? Meinen entsetzten Gesichtsausdruck? In einer Art Schockzustand stand ich in diesem Hausdurchgang, starrte mit leerem Blick in die Geschäftsauslage eines Schuhgeschäfts und wusste nicht wohin mit mir. Was tat ich da? Warum stand ich hier? War ich wirklich geflüchtet? Warum?

Plötzlich eine leichte Berührung an meiner Schulter. Als ich mich umdrehe, blicke ich in zwei blaue Augen, sie tragen mandarinenspaltenförmige Tränensäcke und lächeln liebevoll, fast zärtlich. Und dann öffnet Rudi Vergangenheit seinen Mund und sagt: „Na, auch in die Jahre gekommen?"

© Sonja Schiff